Sonntag, 8. September 2019

Gott trauen (Predigt) hl

Predigt in Sankt Nikolai, Neuendettelsau

Bibelwort zur Predigt: „Mein Gott, was auch immer geschieht, dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei meiner Hand. Du führst mich nach deinem Wort und nimmst mich am Ende in Ehren an. Du bist ja allezeit meines Herzens Trost und mein Halt.“ Psalm 73,23.26

Liebe Gemeinde,

1972 bekam Heinrich Böll den Literaturnobelpreis, die höchste Auszeichnung für einen Schriftsteller. Von ihm stammt unter anderem die wunderbare Satire „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“. Darin bekommt der Kulturchef eines Rundfunksenders plötzlich Bedenken, dass seine Beiträge für den Geschmack der Hörer zu fromm seien. Also muss ein junger Redakteur aus dem letzten aufgenommenen Vortrag vor der Sendung noch schnell das Wort „Gott“ herausschneiden und durch die Phrase ersetzen „Jenes höhere Wesen, das wir verehren“. Diesen Satz muss der Kulturchef aber erst noch so oft auf Band sprechen, wie das Wort „Gott“ in seinem Vortrag vorkommt. 
     Die Szene ist urkomisch, weil sich der Kulturchef damit selbst zum Narren macht. Besonders peinlich wird es, als er den Ausruf „Um Gottes willen“ ersetzen will durch den Ausdruck „Um des höheren Wesens willen, das wir verehren“. Und das Wort "Gottvertrauen" ist gleich gar nicht zu ersetzen. Gefragt, was damit geschehen soll, sagt er „Gottvertrauen? Ach, das lassen wir am besten ganz weg“. „Was lassen wir weg?“ ruft der Tontechniker. „Gottvertrauen“ sagt der junge Redakteur bitter.
      Gottvertrauen – wie steht's damit bei dir? Spielt das in deinem Leben eine Rolle? Viele sind ja irgendwie gläubig. Aber mein Eindruck ist, dass sie in letzter Konsequenz Gott doch nicht so recht trauen. Wäre es so, würden sie leichter leben. Müssten sie sich nicht so viele Sorgen machen und Bedenken haben. 
     Und wie ist das bei mir? Habe ich Gottvertrauen? Ja, schon. Aber mir ist auch klar, dass es jederzeit erschüttert werden kann, wenn etwas Schreckliches passiert. Darum hoffe und bete ich, dass Gott mir auch dann mein Vertrauen erhält und ich an ihm festhalten kann.

     Letzten Montag war ich erstmals auf der Wartburg. Ich wollte endlich den Ort sehen, an dem Martin Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzt hat. Die Frau, die uns durch die Räume geführt hat, stellte besonders Luthers genialen und einzigartigen Beitrag für die deutsche Sprache heraus. Denn das Deutsche, in das Luther die Bibel übersetzt hat, gab es zu seiner Zeit nicht. Er musste es sozusagen erst erfinden und hat aus verschiedenen deutschen Dialekten eine einheitliche Sprache geschaffen. Das war eine ungeheure Leistung mit Folgen für die weitere deutsche Geschichte bis heute.
     Doch für mich persönlich ist etwas anderes noch wichtiger. Luther hat in der Bibel das schlichte Gottvertrauen neu entdeckt, vor allem, wie es Jesus gelehrt und gelebt hat. Und so hat er für sich noch ein persönliches Glaubensbekenntnis verfasst, das leider kaum bekannt ist. Für mich aber ist es zum Kernbestand meines eigenen Glaubens geworden. Einen Auszug daraus will ich euch nun vorlesen:

»Ich wage und setze mein Vertrauen allein in den unsichtbaren, unbegreiflichen, einzigen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und allein über alles Geschaffene herrscht. …
Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott, ob ich auch von allen Menschen verlassen oder verfolgt wäre.
Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott, ob ich auch arm, unverständig, ungebildet und verachtet bin oder nichts besitze.
Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott, ob ich auch ein Sünder bin.
Ich vertraue beständig auf ihn, wie lange er auch auf sich warten lässt.
Weil er denn Gott ist, so weiß er, wie er's mit mir aufs Beste machen soll.
Und weil ich daran nicht zweifle und setze mein Vertrauen auf ihn,
so bin ich gewiss sein Kind … und mir wird geschehen, wie ich glaube.«

     Nichtsdestoweniger  –  Liebe Freunde, jeder von uns hätte Gründe, Gott nicht zu vertrauen. Denn im Leben eines jeden gibt es Dinge, die ihn fragen lassen, warum Gott das geschehen lässt, warum er nicht eingreift, warum er nicht jetzt schon alles zum Besten wendet.
     Und wenn du mit deinem persönlichen Leben zurzeit zufrieden bist – und ich sage bewusst zurzeit, weil auch dein kleines Glück schnell in Unglück umschlagen kann. Wenn du also mit deinem Leben zufrieden bist, - mit den Zuständen weltweit kannst du es nicht sein.
     Zu viele Menschen müssen jetzt in diesem Augenblick überall auf der Erde leiden. Zu viele Gefahren drohen und hängen wie schwarze Gewitterwolken über unser aller Zukunft. Und damit meine ich nicht nur den Klimawandel, sondern auch den neuen Rüstungswettlauf, die Spannungen zwischen den USA und dem Iran, den Populismus in Europa, die offenen Fragen, was Gentechnik und künstliche Intelligenz aus uns Menschen machen werden und so weiter.
     Darum denken und sagen heute viele: „Weil es mir in meinem Leben nicht gut geht, weil die Zustände in dieser Welt so miserabel sind, deshalb glaube ich nicht an Gott, deshalb vertraue ich ihm nicht.“ Ja, so kann man das sehen.
     Doch zur Zeit Martin Luthers haben die Menschen nicht weniger gelitten, eher mehr. Kriege verwüsteten die Länder. Hungersnöte und Seuchen rafften viele dahin. Die Zukunft war alles andere als rosig. Viele glaubten, dass deshalb die Endzeit angebrochen sei und die Welt unterginge. Und manche glaubten deshalb mehr an den Teufel als an Gott.

     Aber Luther glaubte anders, und ich lege euch ans Herz, so wie er zu glauben. Statt uns von Gott abzuwenden, weil wir negative Erfahrungen machen, lasst uns lieber sagen: ‚Was auch geschieht, wir vertrauen nichtsdestoweniger auf Gott.‘
     Luther hat sein Glaubenszeugnis nicht in persönlichen Leidens- und Notzeiten geschrieben. Er hat in ruhigen Stunden darüber nachgedacht und dabei die Einsicht gewonnen, wie wichtig Gottvertrauen ist. Er wusste aber auch, dass er sich jetzt, in ruhigeren Zeiten, in den Glauben einüben sollte. Denn wenn erst einmal die Wogen der Angst über einem Menschen zusammenschlagen und die Feuer der Leiden brennen, wird es schwer, Gottvertrauen zu lernen und im Glauben Halt zu finden.
     Petrus zum Beispiel erging es so. Als er aus dem Boot stieg und über das Wasser auf Jesus zuging, bekam er vor dem Wind und den Wellen plötzlich Angst. Da verließ ihn das Vertrauen und er begann zu sinken. Es ist das Gottvertrauen, das dich und mich trägt und über das Wasser der Angst zu Jesus gehen lässt.

     Weil das so ist, vergewissere ich mich jetzt schon meines Glaubens und sage: „Herr, lass mich in schweren Zeiten nicht untergehen. Sei du auch dann mein Retter und mein Halt (vgl. Psalm 31,1). Was auch geschieht, ich vertraue dir, denn ich gehöre dir. Du wirst mich nicht im Stich lassen. Denn du bist mein Gott und weißt, wie du’s auf’s Beste mit mir machen sollst.

     Gestern haben wir in unserer Gemeinde einen Mann beerdigt, der nach einem langen Krebsleiden gestorben ist. An seinem Glauben konnte sich auch die Familie immer wieder aufrichten. Die Witwe erzählte mir: "Das Letzte, was er zu mir gesagt hat, war, es wird alles gut!"

     Weil das so ist, will auch ich mich keinem dunklen Schicksal ergeben, was immer das sei. Und du hier sollst dich ihm auch nicht ergeben. Stattdessen können auch wir sagen: „Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott, ob ich auch krank, einsam und elend bin. Ich vertraue beständig auf ihn, wie lange er auch auf sich warten lässt. Denn er weiß, wie er es mit mir auf's Beste machen soll.“ Nein, ich will mich keinem dunklen Schicksal ergeben und du sollst das auch nicht.

     Nächstes Jahr, am 11. August, sind es genau 2500 Jahre, dass die Schlacht bei den Thermopylen stattfand. Damals marschierte der Perserkönig Xerxes mit einem riesigen Heer nach Griechenland, um es zu unterjochen. An einem nur wenige Meter breiten Engpass stellte sich ihm eine kleine Truppe von gerade mal 300 Spartanern entgegen. Sie wollten die Feinde solange aufhalten, bis sich der Großteil des griechischen Heeres in Sicherheit bringen konnte. Später erzählte man sich, dass Xerxes die kleine Schar aufforderte, den Widerstand aufzugeben und die Waffen niederzulegen. Doch die Spartaner riefen zu ihm hinüber. „Komm doch her und hole dir unsere Waffen, wenn du dich traust!“ Und dann kämpften sie bis zum letzten Mann.

     Ich bin eigentlich kein Freund von militärischem Heroismus. Aber diese Episode passt gut zu jenem Glaubensbekenntnis und zum ‚Nichtsdestoweniger‘. Die Spartaner hatten die Einstellung: ‚Wir sind zwar gegen das Herr der Feinde eine verschwindend kleine Zahl, nichtsdestoweniger werden wir kämpfen bis zuletzt. Wir werden uns auf keinen Fall ergeben.‘
     Und als Christ sollte ich die Einstellung haben: „Selbst wenn mir die Zustände in der Welt große Sorgen machen und mir meine eigenen Probleme über den Kopf wachsen und auch wenn ich ein Sünder bin – ich werde nichtsdestoweniger an Gott glauben.“
     Wie gesagt, ich bin gegen sinnloses, militärisches Heldentum. Aber beim Glauben ist das was Anderes. Da ist der Widerstand gegen den Feind nicht sinnlos, sondern geboten. Denn unser Feind heißt "Hoffnungslosigkeit“ und unser Gegner „Verzweiflung" und unser Widersacher heißt "Angst".

     Erinnere dich an deine dunkelsten Stunden, an deine Tränen, als du untröstlich warst. Erinnere dich, wie du schon mal verzweifelt warst, schwach und teilnahmslos. Wenn wieder solche schweren Tage kommen, wo du am Boden zerstört bist, dann sage:

     ‚He du, mein Unglück, pass bloß auf. Ich biete dir die Stirn. Ich bekenne: In mir schwachem Menschen ist Gottes Kraft mächtig. In seiner Kraft halte ich dir stand und wenn ich lange mit dir ringen muss. Ich werde dir den Weg in mein Herz nicht kampflos überlassen. Ich werde mich mit den geistlichen Waffen wehren, die Gott mir gibt, mit dem Schild des Gottvertrauens, der mich vor den Pfeilen des Bösen schützt, mit dem Helm der Gewissheit, dass Jesus Christus mich gerettet hat, mit dem Schwert des Wortes Gottes (Epheser 4,16+17).
     Hör zu, du Trübsinn, du willst mir die Lebensfreude rauben? Und du, mein Leid, willst, dass ich den Glauben aufgebe? Und du, mein Elend, willst, dass ich mein Gottvertrauen fahren lasse? Dass ich die Waffen strecke und mich ergebe? Das werde ich nicht tun! Also komm her, wenn du dich traust und hol dir meinen Glauben. Freiwillig gebe ich ihn dir nicht. Ich will mich wehren bis zuletzt und an meinem Gott festhalten, denn er hält zu mir.‘

     Das ist es, was du in deinen schweren Zeiten sagen kannst. Und ich will das auch sagen können. Bitten wir Gott, dass er uns die Kraft und den Mut dazu gebe.
     Liebe Freunde, für mich ist das die Haltung des Nichtsdestoweniger, des Trotzalledem. In dieser Haltung will ich glauben und leben, was auch geschieht. Und du?

     Doch wie geht das nun mit dem Vertrauen auf Gott? Ein Mann wollte das von einer Frau wissen. Da erzählte sie ihm von Charles Lindbergh, dem ersten Menschen, der am 20. Mai 1927 von New York aus allein über den At­lantik geflogen ist.
     Es war die siebenundzwanzigste Stunde auf seinem einsamen Flug. Lindbergh hatte die Nacht zuvor mit seiner einmotorigen „Spirit of St. Louis” schon einen Sturm überstanden. Jetzt kämpfte er gegen die Müdigkeit. Noch war unter ihm nur Wasser. Noch war von Europa weit und breit nichts zu sehen. Da packte ihn auf einmal der Zweifel. Was ist, fragte er sich, wenn es Europa gar nicht gibt? Ich habe es noch nie gesehen, war noch nie da. Vielleicht existiert es nur in der Phantasie und ich setze dafür mein Leben aufs Spiel! Aber nein, dachte er, ich weiß doch aus Büchern und Atlanten, dass es Europa gibt. Menschen haben mir davon erzählt. Ich darf mich jetzt nur nicht verrückt machen lassen. Muss meinen Kurs halten. Muss ruhig bleiben und will vertrauen, dass stimmt, was andere mir er­zählt haben! Früher oder später werde ich da sein.
     „Und, ist Lindbergh angekommen”, fragte der Mann? „Ja”, sagte sie, „nach dreiunddreißig Flugstunden ist er in Paris gelandet.” „Aber das war doch riskant?” „Ja.” „Er hätte unterwegs ins Meer stürzen können!” „Ja.” „Und du meinst, so ist das auch mit dem Glauben: also ruhig bleiben, Kurs halten und vertrauen?” Doch sie antwortete nicht, sondern sah ihn nur an.

     Denn die Antwort, ob man Gott trauen will, müssen wir uns letzten Endes selbst geben. Was sagte nochmal der Kulturchef zu seinem Rundfunkvortrag? „Gottvertrauen? Ach, das lassen wir am besten ganz weg.“ Soll er nur. Wir, liebe Freunde, du und ich, wir halten daran fest! Amen

Hans Löhr

Hier der Link zu dem Kurzfilm (klick) Dr. Murkes gesammeltes Schweigen mit Dieter Hildebrandt



Kommentare:

  1. Eine tolle und nachdenklich stimmende Predigt. Wo finde ich das wiedergegebene Glaubensbekenntnis Luthers?

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  2. Ein Bekenntnis Martin Luthers

    Ich glaube an Gott Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden.

    DAS IST:

    Ich entsage dem bösen Geist, aller Abgötterei, aller Zauberei, allem Missglauben.
    Ich setze mein Vertrauen auf keinen Menschen auf Erden,
    auch nicht auf mich selbst,
    auch nicht auf meine Gewalt, Kunst, Gut, Frömmigkeit
    oder was ich sonst hab.
    Ich setze mein Vertrauen auf keine Kreatur,
    sie sei im Himmel oder auf Erden.
    Ich wage und setze mein Vertrauen
    allein auf den unsichtbaren, unbegreiflichen, einzigen Gott,
    der Himmel und Erde erschaffen hat
    und allein über alle Kreatur herrscht.
    Wiederum entsetze ich mich nicht ob aller Bosheit
    des Teufels und seiner Gesellschaft,
    d e n n m e i n G o t t h e r r s c h t ü b e r s i e a l l e.

    Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott,
    ob ich auch von allen Menschen verlassen oder verfolgt wäre.
    Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott,
    ob ich auch arm, unverständig, ungelehrt und verachtet bin
    oder aller Dinge ermangele.
    Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott,
    ob ich auch ein Sünder bin.
    Denn dieser mein Glaube soll und muss schweben über allem,
    was da ist und nicht ist.

    Ich begehre auch kein Zeichen von Gott, ihn zu versuchen.
    Ich vertraue beständiglich auf ihn, wie lange er auch verzieht.
    Ich setze ihm kein Ziel keine Zeit und kein Maß,
    sondern stelle es alles seinem göttlichen Willen anheim
    in einem freien, richtigen Glauben.

    So er denn allmächtig ist, -
    was mag mir gebrechen, dass er mir's nicht geben könnte?
    So er Schöpfer Himmels und der Erden ist und aller Dinge ein Herr, -
    wer will mir etwas nehmen oder schaden?
    Dieweil er denn Gott ist,
    so weiß er, wie er's mit mir aufs Beste machen soll.
    Dieweil er Vater ist,
    will er's auch tun und tut es herzlich gern.
    Und dieweil ich daran nicht zweifle und setze mein Vertrauen auf ihn,
    so bin ich gewiss sein Kind, Diener und Erbe ewiglich
    und mir wird geschehen, wie ich glaub.

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