Donnerstag, 9. Januar 2020

Leben im Spannungsfeld. Zur Kontroverse Leibniz - Voltaire. hl

Habe versehentlich noch einmal Losung und Lehrtext vom 2. Januar ausgelegt. Hoffe aber, dass es sich für dich lohnt, die folgenden Zeilen zu lesen und darüber nachzudenken.

Losung: Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen. Jesaja 25,8

Lehrtext: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Römer 12,12

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal ist das Leben in dieser Welt ein Berg der Freude. Und manchmal ist es ein Tal der Tränen. Was überwiegt?

Behauptung von Leibniz

     Der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) behauptete nach populärem Verständnis, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden: „Gott kann zwar alle möglichen Welten denken, aber doch nur die beste von ihnen wollen, denn mit seiner Vollkommenheit wäre es unverträglich, das weniger Vollkommene, oder wenn man will, das Böse zu tun. […] Er hat die beste aller Welten durch seine Weisheit erkannt, durch seine Güte erwählt und durch seine Macht verwirklicht.“ (Zusammenfassung  von Max von Boehn)

Widerspruch von Voltaire

     Voltaire (1694-1778), der große Philosoph der europäischen Aufklärung, widersprach  Leibniz mit seiner satirischen Novelle „Candide – Die beste aller Welten“. Darin lässt er seinen erfundenen Helden auf einer Weltreise so viel Leid, Elend und Not erleben, dass er den Leibnizschen Optimismus widerlegt zu haben glaubte.

     In einem Internet-Lexikon heißt es aber zur Ehrenrettung von Leibniz: „Die Idee der „besten aller möglichen Welten“ soll nicht in naiver Weise tatsächliches und großes Übel in der Welt leugnen oder schönreden. Vielmehr weist Leibniz auf einen notwendigen Zusammenhang zwischen Gutem und Üblem hin: Es gebe nämlich Gutes, das nur zum Preis der Existenz von Übel zu haben ist. Die wirkliche Welt ist die beste unter anderen in dem Sinne, dass das Gute in ihr auch von Gott nicht mit einem geringeren Maß an Übel verwirklicht werden kann. Außerdem ist nicht der derzeitige Zustand der Welt der bestmögliche, sondern die Welt mit ihrem Entwicklungspotential ist die beste aller möglichen Welten. Gerade dieses Entwicklungspotential ermöglicht es, den derzeitigen Zustand zu verbessern.

Klärung nicht möglich

     Ich meine, dass eine philosophische Klärung dieses Problems, wie man es im 18. Jahrhundert noch versucht hat, nicht möglich ist. Gott kommt man nicht mit Logik bei. An ihm scheitert der menschliche Verstand. Trotzdem muss Gott im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten gedacht werden, wenn man von ihm vernünftig reden will. Man nennt dieses unzureichende Bemühen ‚Theologie‘.
     Ich neige angesichts der entsetzlichen Ereignisse gerade in unsrer jüngeren Geschichte und der Erfahrung, dass unsere Zeitgenossen daraus wenig bis nichts gelernt haben, eher Voltaire zu. Menschen waren, sind und werden zu allem Bösen fähig sein. Die Bibel nennt das Erbsünde. Aber muss man nicht doch unseren guten Gott mit dem Bösen und dem Leid irgendwie zusammendenken? Oder soll man nicht, wie die Manichäer, zugleich eine feindliche, finstere Gegenkraft annehmen, die für das Böse verantwortlich ist?
     Jedenfalls finde ich den Gedanken von Leibniz bedenkenswert, dass da ein notwendiger Zusammenhang zwischen Gutem und Üblem sei: Gott "erkauft" das Gute in der Welt mit einem gewissen Maß an Übeln.
     Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht. Aber ich erlebe diese Welt nun mal so, dass es das eine nicht ohne das andere gibt. Vulkane und Erdbeben zum Beispiel, die schon so viele Menschenleben gefordert haben, waren die erdgeschichtliche Voraussetzung, dass es überhaupt Leben auf diesem Planeten geben kann. Ebenso die lebensnotwendige Schwerkraft, durch die andererseits zahllose Menschen zu Tode stürzen. Oder das Zellwachstum, ohne das nichts Lebendiges entstehen kann. Ungehemmt aber ist es Krebs.

Wo Leibniz wie Voltaire fehlgehen

     Die Schwäche von Leibniz wie Voltaire ist aus meiner Sicht, dass sie versuchen, Gott als eine abstrakte Größe zu denken und in Beziehung zur Welt zu setzen, die wir nach menschlichen Werten wie gut und böse beurteilen. Ihnen geht es um den "Gott der Philosophen", den sie zum Gegenstand ihres Denkens machen. 
     Mir geht es um den "Vater Jesu Christi". Ihn erkenne ich nicht mit Hilfe meines Intellekts. Vielmehr begegnet er mir im Kind in der Krippe und im Mann am Kreuz. In ihm wird er konkret, wird er Mensch, zeigt er sich so weit, wie er sich uns Menschen zeigen will. In Christus leidet Gott selbst in und an der Menschenwelt. Er hält das Böse aus, das ihm angetan wird, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Er liebt auch die, die ihm feindlich gesinnt sind und ihn töten, um sie und uns alle so vom Bösen, von Sünde und Tod zu erlösen. 

Leben und glauben im Spannungsfeld

Noch leben wir in einer Welt, in der es neben Freude und Glück auch ein großes Maß an Schuld und Leid gibt. Doch sie ist nicht verflucht, sondern schon gesegnet, nicht verdammt, sondern schon erlöst, nicht verloren, sondern schon gerettet. Sie ist noch nicht die beste aller möglichen Welten, doch Gott hat sie dazu bestimmt, es zu werden. Er wird sie, wie alles, das er geschaffen hat, auch vollenden. Diese Spannung zwischen dem, was die Welt schon ist und was noch nicht, muss ich aushalten. In diesem Spannungsfeld lebe und glaube ich.

Was ist wirklich gut und was böse?

     Was also überwiegt in dieser Welt? Ist sie mehr ein Berg der Freude oder ein Tal der Tränen? Das hängt wohl davon ab, was ein jeder im Lauf der Zeit erlebt und erfährt. Ich weiß auch nicht, warum es das Böse neben dem Guten gibt und werde es wohl auch nie wissen können. Manchmal ist es sogar so, dass das vermeintlich Böse sich mit der Zeit als gut und das Gute sich als böse herausstellt. Darum will ich mit meinem eigenen Urteil vorsichtig sein.
     Das aber glaube ich mit Dietrich Bonhoeffer, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und dass er uns im finsteren Tal der Tränen nicht allein lässt. Denn wir haben einen Gott der tröstet und rettet, der Tränen trocknet und heilt. Auf ihn hoffe ich in meinen guten Tagen. Ihm vertraue ich in Geduld in meinen bösen. An ihn wende ich mich im Gebet mit meinen Klagen, meinen Bitten und mit meinem Dank (Lehrtext).

Gebet: Herr, ich würde gern diese Welt und auch mich selbst besser verstehen. Aber ich weiß, dass ich immer wieder an meine Grenzen stoße. Ich werde weiterhin nachdenken und für mich Antworten suchen. Aber letzten Endes lege ich all mein Fragen und Denken in deine Hand. Du selbst bist die Antwort. Es soll mir genug sein, glauben zu können, dass du mich mit Gutem segnest, dass du aber auch im finsteren Tal der Leiden bei mir bist. Du zauberst mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Aber du trocknest auch meine Tränen. So will ich mit dir leben in guten wie in bösen Tagen. Amen

     Nein, ich muss nicht alles verstehen, muss nicht alles wissen, muss nicht auf alles eine Antwort haben. Ich halte es mit Paulus, der auf seine Bitten hin von Gott die Antwort bekommen hat: »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«
     Und nach allem Nachdenken, Philosophieren und Theologisieren ist vielleicht das ein guter Hinweis, was Voltaire seinen Candide am Schluss des Romans zum Philosophen Pangloss sagen lässt: Ist ja alles schön und gut, was du da sagst, »aber jetzt müssen wir unseren Garten bestellen«.

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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