Mittwoch, 26. August 2020

Ob du mir helfen kannst? hl

Losung: Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht. Jesaja 43,24-25 

Lehrtext: Einst standet ihr Gott fremd und feindlich gegenüber und habt das durch eure bösen Taten gezeigt. Aber weil Christus in seinem menschlichen Leib den Tod auf sich nahm, hat Gott jetzt mit euch Frieden gemacht. Kolosser 1,21-22 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

manches in der Bibel meinte ich verstanden zu haben. Schließlich habe ich ja Theologie studiert. Doch inzwischen verstehe ich manches nicht mehr. Zum Beispiel, wie die beiden Bibelworte oben zusammenpassen. Vielleicht kannst ja du mir dabei helfen.

     Das Losungswort aus dem Propheten Jesaja, also aus dem Alten Testament und somit aus der Zeit vor Jesu Geburt sagt klipp und klar, dass Gott meine Übertretungen tilgt und meiner Sünden nicht gedenkt. Im Psalm 103 heißt es noch klarer:

»Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen. Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten (= achten)

     Also frage ich: Warum musste dann Jesus noch am Kreuz sterben? Warum soll das für Gott die Bedingung gewesen sein, mit uns Frieden zu machen? Sagt das Alte Testament nicht längst, dass das bereits geschehen ist, ohne das Blutopfer Jesu am Kreuz, sondern weil Gott gnädig und barmherzig ist, geduldig und gütig?

     Ich verstehe schon, hinter solchen Aussagen des Neuen Testaments, wie zum Beispiel im Lehrtext, steht das theologische System der Genugtuung: Die Sünde kann nur durch den Tod des Einen vergeben werden, damit Gottes Gerechtigkeit keinen Schaden nimmt und seiner Ehre genüge geleistet wird. Aber diese theologischen Überlegungen überzeugen mich nicht mehr. Sie sind allzu menschlich gedacht. Sie setzen einen zwanghaften Richter-Gott voraus, der mir fremd ist. Ich halte mich stattdessen an den barmherzigen Vater, den Jesus verkündigt hat.

     Aber vielleicht kannst du mir ja erklären, warum der einst barmherzige Gott bei Jesaja und im Psalm 103 später an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments zu einem unnachgiebigen und furchterregenden Gott wird, der auf dem Blutopfer seines Sohnes besteht. Und was daran 'Evangelium', also frohe Botschaft sein soll.

Gebet: Herr, die Götter und Götzen in anderen Religionen wollen Opfer, Tieropfer und Menschenopfer. Aber du nicht. Du bist kein Moloch. Du verlangst nicht das Menschenopfer deines eigenen Sohnes. Was sind das nur für Leute, die sowas behaupten und von anderen verlangen, dass sie das glauben? Du brauchst keine Genugtuung, sondern dein empfindsames Herz sieht meine Not. Und weil du weißt, dass ich deine Liebe brauche und nur sie mich heilt, bist du in Jesus zu mir gekommen und nimmst alles weg, was mich von dir trennt. Dafür danke ich dir. Amen 

Herzliche Grüße, 

Ihr / dein Hans Löhr 

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Kommentare:

  1. Könnte es auch zu menschlich sein, dass man sich einen absoluten Richtergott und einen absolut barmherzigen Gott nicht gleichzeitig vorstellen kann?
    Hmmmm, vielleicht muss man das auch nicht.

    Vielleicht hat dieser zwanghafte absolute Richtergott das Problem mit der Gerechtigkeit und Genugtuung einfach selbst in die Hand genommen und durch sich selbst (sind Vater, Sohn und Geist nicht auch eins?) gelöst. Welch eine gute Nachricht!!

    Vielleicht sind andere Religionen u.a. auch deshalb nur Götzen, weil sie eben diesen Part Gottes - das (vielleicht sogar selbst geschaffene) Problem selbst und durch sich selbst zu lösen (könnte man dies vielleicht auch Liebe nennen?) nicht bieten?

    ...
    Ihr Blog ist ein großes Geschenk für mich - danke :-)

    Eine Frage noch:
    Warum ist Christus - Ihrer Meinung nach - am Kreuz (und überhaupt so grässlich) gestorben?

    Herzliche Grüße
    Christine

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    1. Vielen Dank für Ihren Diskussionsbeitrag.
      Den Versuch einer Antwort finden Sie zum Beispiel hier: http://glaubenswachstum.blogspot.com/2020/08/vom-vater-geschlagen-hl.html

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  2. Schuld und Sühne sind ja bis heute existentielle Fragen. Wie kann Schuld denn aus der Welt geschafft werden? Das alte Israel kannte das Ritual des Sündenbock, der in die Wüste geschickt wurde, stell vertretend. Wie können Opfer Gerechtigkeit erfahren?
    Die Stellvertretung ist eine bleibende Frage. "Christe Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünd der Welt",ein lebendiges Beispiel unserer Liturgie, auch wenn viele das heute als unmodern, also für tot erklären

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    1. Schuld, Sühne, Strafe, Opfer, Gerechtigkeit - um hier zu Lösungen zu kommen, hat man auf menschlicher Ebene im Lauf der Geschichte verschiedene Modelle entwickelt. Die USA sind z.B. bis heute beim Modell der Todesstrafe geblieben.
      Christine, die vor Ihnen einen Beitrag abgegeben hat, hat den mich überzeugenden Hinweis gegeben: Gott hat auf geistlicher Ebene diese ganze, für uns nicht lösbare Sache mit sich selbst ausgemacht und durch sich selbst gelöst.
      Die weltliche Justiz muss sich weiterhin mit unbefriedigenden Gerechtigkeitsmodellen herumschlagen. Ein Richter, der mehr ist als bloß ein Jurist, weiß, dass er niemals einem Straftäter gerechet werden kann und dessen Opfer auch nicht. Und trotzdem muss er nach bestem Wissen und Gewissen Recht sprechen, um Rechtsempfinden und Rechtstreue in unserer Gesellschaft nicht zu beschädigen.

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  3. Herzliche Grüße Wolfgang aus Potsdam

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  4. Lieber Herr Löhr, ich lese Ihre Auslegungen gerne. Auf Ihrer Gemeindehomepage lese ich gerade, daß die Pfarrstelle vakant ist und entnehme daraus, daß Ihre Frau nun auch im wohlverdienten Ruhestand ist.
    Ich würde mich freuen, wenn nun, wie früher, Ihre Frau sich wieder an diesen Auslegungen beteiligen würde. Auch ihre Auslegungeb habe ich gern gelesen. Die Abwechslung war für mich auch ein Markenzeichen von "Nachdenken über die Bibel" Erst einmal einen herzlichen Gruß an Ihre Frau von mir

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  5. Guten Morgen,
    für mich ist die Erklärung von Christine weiter oben die welche ich am ehesten nachvollziehen kann. Gott ist Vater Sohn und Heiliger Geist. Gott kam zu uns in Jesus auf die Erde.Er starb in Jesu für uns damit die Schuld der Welt gesühnt ist und er stand von den Toten auf, damit wir das ewige Leben haben. Wenn Vater und Sohn eins sind, dann ist es ja immer Gott selbst, der mitten im Geschehen ist. Das alles aus Liebe zu seinen Menschen. Ich werde wohl dieses Geschehen in seiner ganzen Tiefe nie wirklich begreifen,weil Gott da viel zu groß ist. Aber muss ich das denn? Es gibt immer wieder Zeiten im Leben, wo wir Gott nicht verstehen werden. Aber ich übe mich darin ihm immer mehr zu vertrauen.

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