Liebe Leserin, lieber Leser,
„Amen, ja mein Glück ist groß.” - Kommt dir diese Liedzeile bekannt vor? Sie beschließt das Lied: „Weil ich Jesu Schäflein bin”. Aber vielleicht kennst du den Psalm 23, der diesem Lied zugrunde liegt.
Doch ist das hier nicht ein Kinderlied? Ja. Wir Kinder haben das Lied „Weil ich Jesus Schäflein bin ” damals im Kindergarten und in der Grundschule gesungen. Ob ich es verstanden habe? Eher nicht. Aber offenbar strahlte es Geborgenheit aus und weckte mein Vertrauen in Jesus, den guten Hirten. Jedenfalls hat es mich so beeindruckt, dass ich es noch heute auswendig kann.
Und jetzt, da ich alt bin, kommt es mir wieder öfter in den Sinn. Inzwischen gehört es zu meinem Abendgebet vor allem dann, wenn mir vor dem Einschlafen noch viel durch den Kopf geht: das gegenseitige Totschlagen in den aktuellen Kriegen, die vielen Lügen, aber auch private Sorgen. Dann sage ich zu mir: „Weg jetzt mit all dem Negativen in meinem Kopf. Weg mit dem, was ich ohnehin nicht ändern kann. Sei einfach dankbar für so viel Gutes in deinem Leben, auch für die Kraft, zu tragen, was zu tragen ist.”
Dann bete ich jenes Kindergebet. Und je bewusster ich jeden einzelnen Vers bete, desto ruhiger werde ich, desto mehr fühle ich mich bei meinem guten Hirten geborgen und spüre eine stille Freude.
1. Weil ich Jesu Schäflein bin,
freu ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten,
der mich wohl weiß zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt
und bei meinem Namen nennt.
2. Unter seinem sanften Stab
geh ich ein und aus und hab
unaussprechlich süße Weide,
daß ich keinen Mangel leide;
und sooft ich durstig bin,
führt er mich zum Brunnquell hin.
Marie Luise von Hayn, 1778
Glauben wie ein Kind? Durchaus. Doch zugleich verstehen wie ein Erwachsener auf dem Hintergrund der Lebenserfahrungen, die du bisher gemacht hast.
Zuletzt noch ein Einwand: Ist jenes Lied nicht zu idyllisch, und flach? Früher haben mich vor allem so süßliche Bildworte gestört wie 'Schäflein', 'Schoß' und 'süße Weide'. Inzwischen stehe ich drüber und lass mich davon nicht ablenken.
Im Psalm 23 steht zumindest noch die Zeile „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir”.
Hm, der Einwand ist berechtigt. Ich kann da nur von mir reden: Wenn ich jenes Lied bete oder auch für mich leise singe, dann ist der Psalm 23 wie eine zweite Stimme, die darunter liegt. Dann bin ich mir jenes „finsteren Tales“ durchaus bewusst. Ich kenne es. Und ich weiß, dass noch das eine oder andere auf mich wartet.
Aber da gehört noch der zweite Teil der Zeile hinzu: „Du bist bei mir”. Im Kinderlied heißt das so: „Der mich liebet, der mich kennt / und bei meinem Namen nennt”. Darauf vertraue ich. Auf den, der selbst durch finstere Täler gegangen ist und darum weiß, wie einem Menschen zumute sein kann.
Doch über den finsteren will ich auch die „schönen Tage” nicht vergessen. Und darum schließe ich diese kleine Besinnung mit dem dritten und letzten Vers:
3. Sollt ich denn nicht fröhlich sein,
ich beglücktes Schäfelein?
Denn nach diesen schönen Tagen
werd ich endlich heimgetragen
in des Hirten Arm und Schoß.
Amen, ja, mein Glück ist groß!