Liebe Gemeinde,
und, hast du machmal Albträume? - Ich eigentlich nicht. Aber vor ein paar Wochen hatte ich doch einen. Er war so heftig, dass ich prompt aufgewacht bin.
Mir träumte, ich hätte einen Freund getroffen und als ich mich verabschiedete, habe ich aus Versehen sein Handy eingesteckt statt meins. Dann war ich in einer unbekannten Bank in einer fremden Stadt und brauchte Geld. Aber die Angestellten wollten mir keins geben. Sie nahmen mir auch das Handy weg. Ich wartete eine Ewigkeit, nichts geschah. Da bekam ich Panik. Ich wusste nicht, wo ich bin. Konnte mich an keine Telefonnummer mehr erinnern. Hatte kein Geld. War verloren. Es war furchtbar.
Da wachte ich auf. Mein Körper entspannte sich. Und meine Seele, ja, meine Seele war froh - und wie. Unwillkürlich dankte ich Gott. Ich war erlöst. War wieder geborgen in meinem Glauben.
Das klingt jetzt arg fromm, fast schon ein bisschen unglaubwürdig. Doch mir muss das auch niemand abnehmen. Mir jedenfalls hat dieses Erlebnis gut getan. Und dass ich nach dem Albtraum sogleich an Gott dachte, hat mich selbst überrascht und gefreut. Albträume gehen wieder vorbei. Andere Dinge nicht. Aber, so hoffe ich, auch dann bin nicht verloren.
Als Lesung haben wir vorhin Jesu Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ gehört. Seine Ängste verstehe ich jetzt besser. Denn sein Traum von einem süßen Leben wurde zu einem echten Albtraum. Er kam aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Elend heraus. Doch dann hat ihn sein Vater umarmt.
Manchmal wird das Daheim einfach zu eng. Junge Leute wollen endlich mal was anderes erleben als immer nur Dorf. Möchten die Welt sehen und das aufregende Leben in den großen Städten kennenlernen, so wie ich als Student. So wie jener junge Mann in der Geschichte, die Jesus erzählt.
Nun, dass es ihn in die Welt hinausgezogen hat, war nicht das Problem. Aber der Bruch zwischen ihm und seinem Elternhaus war schon sehr radikal. "Zahl mich aus!", sagte er zum Vater. Und der musste das tun. Denn der Sohn hatte das Recht auf seiner Seite. Und als das Geld weg war, sein ganzes Erbe, ist er nur noch ein Schweinehirt. Keiner will mehr die Gesellschaft dieses Hungerleiders. Jetzt ist er für alle ein Nichts und Niemand. -Geschieht ihm ganz Recht, oder?
Und jetzt? Würde sein Vater nicht sagen: "Komm mir ja nicht mehr unter die Augen, du Lump. Du bist für mich gestorben."
Ja, damit musste der Sohn rechnen. Doch der Hunger treibt ihn nach Haus.
Ob er wohl wenigstens als Knecht auf dem Hof des Vaters arbeiten darf? Wenigstens für ein Stück Brot und eine Schlafstelle im Stall? Aber manchmal ist die Liebe doch größer als Schmerz und Zorn.
Liebe Freunde, wer diese Geschichte aufmerksam liest, wird merken, dass es nicht nur um den Sohn geht. Es geht ebenso um den barmherzigen Vater. Von ihm sagt Jesus: "So wie dieser Vater, so ist Gott. So ist mein Vater und euer Vater."
Plötzlich geht es auch für uns um die Frage, wie Gott heute ist, zu dir und zu mir.
Freilich können auch wir Menschenväter barmherzig sein und unseren Kindern vergeben, wenn sie uns verletzt haben. Doch es gibt es Grenzen: Einmal ist das Fass übergelaufen. Einmal lässt sich auch der Geduldigste nichts mehr gefallen. Oder nicht?
Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen und glauben, Gott müsse so ähnlich sein wie wir. Er müsse so ähnlich denken, so ähnlich empfinden, so ähnlich handeln. Er müsse auch mal streng sein und strafen - wenigstens die anderen.
Doch Gott ist nicht so, wie wir Menschen sind. Wir können freundlich sein, aber uns auch ärgern. Wir können wütend und nachtragend sein und sogar hassen. Er aber ist, wie Jesus ihn erlebt. Wie er ihn uns zeigt in jenem Vater.
Und der tut, was ein Mann, der etwas auf sich hält, nicht tut. Schon gar nicht in Palästina vor zweitausend Jahren. Der Mann rennt .....
Als er seinen Sohn von ferne heimkommen sieht, hält ihn nichts mehr. Er rennt los. Und er, der ehrwürdige Gutsherr, schließt sein abgerissenes Kind in die Arme. Und ich stelle mir vor, wie einer den andern festhält und beide weinen, lange, lange.
Sollen doch die Leute denken, was sie wollen. Sollen Jesu Zuhörer denken, was sie wollen, als er dieses Gleichnis erzählt. Sollen wir heute von Jesus denken, was wir wollen, der uns mit seinen Geschichten und Taten immer aufs Neue zum Nachdenken bringt.
Wenn es um Gott geht, macht er keine Kompromisse. Er richtet sich nicht nach unseren Gottesbildern und Glaubensvorstellungen. Auch nicht nach der üblichen Moral und unseren Werten. Jesus bestätigt uns nicht einfach. Er fordert uns heraus. Denn wenn es um Gott geht, liebe Freunde, geht es um alles, um dich und mich, um Leben und Tod. Ihm ist er treu geblieben: ihm, sich selbst und uns - bis zum Kreuz.
Zurück zu unserer Geschichte.
Der Gutsherr hätte allen Grund gehabt, den Sohn zu verstoßen. Stattdessen, wir haben es gehört, hat er ihn an sein Herz gedrückt. Nein, er macht ihm keine Vorwürfe. Fragt nicht nach Reue. Verlangt kein Schuldbekenntnis, keine Bitte um Vergebung.
Das alles ist Sache des Sohnes, aber keine Bedingung des Vaters. Sein Kind muss vor ihm nicht zu Kreuze kriechen.
Die Liebe des Vaters war es, die alles für ihn getan hat. Die Liebe, die größer ist als Schmerz und Zorn.
Mit ihm zeigt mir Jesus, wie Gott ist: barmherzig, warmherzig und, wie Luther schreibt, „ein glühender Backofen voll Liebe“.
Und wenn wir auch noch so lange nichts mehr von ihm wissen wollten, so sagt uns Jesus mit seiner Geschichte:
„Genau für dich erzähle ich sie. Vertraue ihm und komm zurück. Gott läuft auch dir entgegen. Du bist und du bleibst ja sein Kind, das er vermisst. Auch wenn du dich in der Welt verlierst und ihn vergisst, er vergisst dich nicht und gibt dich nicht verloren."
Was für eine frohe Botschaft! Ja, Gott ist anders, als wir Menschen sind.
Doch es gibt auch ein hartes Brot zu beißen. Die Geschichte Jesu legt den Gedanken nahe, dass irgendwann und irgendwie jeder wieder bei Gott daheim sein wird, in diesem Leben oder an seinem Ende. Jeder?
Wirklich jeder? Auch solche, die anderen größtes Leid zugefügt haben? All die Schurken und Menschenfeinde? - Das kann und will ich nicht glauben.
Doch es kommt nicht darauf an, was ich will, sondern was Gott will, wie er sich in Jesus zeigt. Solche Dinge, die ich nicht verstehe, machen mich ratlos. Also lege ich sie in seine Hand und sage:
„Herr, du weißt, was du tust. Ich bin nicht dein Richter. Ich vertraue aber, dass du mich annimmst mit allem, womit ich schuldig geworden bin vor dir und den Menschen. Denn bei dir finde ich Frieden. Bei dir bin ich daheim.“
Und was, liebe Sommersdorfer Gemeinde, ist mit allen anderen? Ich weiß es nicht. Aber das glaube ich: Gottes Liebe ist grenzenlos.
Sie ist meine Zuflucht in allen Sorgen, auch in meiner letzten Not. In ihr ist meine Seele daheim, nicht nur, wenn ich aus einem Albtraum erwache, sondern auch aus diesem Leben.
Und wenn er mich dann nach Hause ruft, dann, so glaube ich, geschieht mit mir, was auch einmal mit dir geschieht. Dann kommt er uns entgegen, freudestrahlend, nimmt uns in seine Arme und wir feiern ein Fest.
So glaube ich. So stelle ich mir das vor. So habe ich es gelernt aus Jesu Geschichte vom Verlorenen Sohn und dem barmherzigen Vater. Und das, liebe Freunde, wollte ich in meinem letzten Gottesdienst an euch weitergeben. Amen