Sonntag, 27. September 2026

Willkommen daheim hl

Liebe Gemeinde,

und, hast du machmal Albträume? - Ich eigentlich nicht. Aber vor ein paar Wochen hatte ich doch einen. Er war so heftig, dass ich prompt aufgewacht bin.

Mir träumte, ich hätte einen Freund getroffen und als ich mich verabschiedete, habe ich aus Versehen sein Handy eingesteckt statt meins. Dann war ich in einer unbekannten Bank in einer fremden Stadt und brauchte Geld. Aber die Angestellten wollten mir keins geben. Sie nahmen mir auch das Handy weg. Ich wartete eine Ewigkeit, nichts geschah. Da bekam ich Panik. Ich wusste nicht, wo ich bin. Konnte mich an keine Telefonnummer mehr erinnern. Hatte kein Geld. War verloren. Es war furchtbar.

Da wachte ich auf. Mein Körper entspannte sich. Und meine Seele, ja, meine Seele war froh - und wie. Unwillkürlich dankte ich Gott. Ich war erlöst. War wieder geborgen in meinem Glauben.


Das klingt jetzt arg fromm, fast schon ein bisschen unglaubwürdig. Doch mir muss das auch niemand abnehmen. Mir jedenfalls hat dieses Erlebnis gut getan.  Und dass ich nach dem Albtraum sogleich an Gott dachte, hat mich selbst überrascht und gefreut. Albträume gehen wieder vorbei. Andere Dinge nicht. Aber, so hoffe ich, auch dann bin nicht verloren.


Als Lesung haben wir vorhin Jesu Geschichte vom „Verlorenen Sohn“ gehört. Seine Ängste verstehe ich jetzt besser. Denn sein Traum von einem süßen Leben wurde zu einem echten Albtraum. Er kam aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Elend heraus. Doch dann hat ihn sein Vater umarmt.


Manchmal wird das Daheim einfach zu eng. Junge Leute wollen endlich mal was anderes erleben als immer nur Dorf. Möchten die Welt sehen und das aufregende Leben in den großen Städten kennenlernen, so wie ich als Student. So wie jener junge Mann in der Geschichte, die Jesus erzählt.

Nun, dass es ihn in die Welt hinausgezogen hat, war nicht das Problem. Aber der Bruch zwischen ihm und seinem Elternhaus war schon sehr radikal. "Zahl mich aus!", sagte er zum Vater. Und der musste das tun. Denn der Sohn hatte das Recht auf seiner Seite. Und als das Geld weg war, sein ganzes Erbe, ist er nur noch ein Schweinehirt. Keiner will mehr die Gesellschaft dieses Hungerleiders. Jetzt ist er für alle ein Nichts und Niemand. -Geschieht ihm ganz Recht, oder?


Und jetzt? Würde sein Vater nicht sagen: "Komm mir ja nicht mehr unter die Augen, du Lump. Du bist für mich gestorben." 

Ja, damit musste der Sohn rechnen. Doch der Hunger treibt ihn nach Haus. 

Ob er wohl wenigstens als Knecht auf dem Hof des Vaters arbeiten darf? Wenigstens für ein Stück Brot und eine Schlafstelle im Stall? Aber manchmal ist die Liebe doch größer als Schmerz und Zorn.


Liebe Freunde, wer diese Geschichte aufmerksam liest, wird merken, dass es nicht nur um den Sohn geht. Es geht ebenso um den barmherzigen Vater. Von ihm sagt Jesus: "So wie dieser Vater, so ist Gott. So ist mein Vater und euer Vater." 

Plötzlich geht es auch für uns um die Frage, wie Gott heute ist, zu dir und zu mir.


Freilich können auch wir Menschenväter barmherzig sein und unseren Kindern vergeben, wenn sie uns verletzt haben. Doch es gibt es Grenzen: Einmal ist das Fass übergelaufen. Einmal lässt sich auch der Geduldigste nichts mehr gefallen. Oder nicht?


Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen und glauben, Gott müsse so ähnlich sein wie wir. Er müsse so ähnlich denken, so ähnlich empfinden, so ähnlich handeln. Er müsse  auch mal streng sein und strafen - wenigstens die anderen.

Doch Gott ist nicht so, wie wir Menschen sind. Wir können freundlich sein, aber uns auch ärgern. Wir können wütend und nachtragend sein und sogar hassen. Er aber ist, wie Jesus ihn erlebt. Wie er ihn uns zeigt in jenem Vater.


Und der tut, was ein Mann, der etwas auf sich hält, nicht tut. Schon gar nicht in Palästina vor zweitausend Jahren. Der Mann rennt .....


Als er seinen Sohn von ferne heimkommen sieht, hält ihn nichts mehr. Er rennt los. Und er, der ehrwürdige Gutsherr, schließt sein abgerissenes Kind in die Arme. Und ich stelle mir vor, wie einer den andern festhält und beide weinen, lange, lange. 


Sollen doch die Leute denken, was sie wollen.  Sollen Jesu Zuhörer denken, was sie wollen, als er dieses Gleichnis erzählt. Sollen wir heute von Jesus denken, was wir wollen, der uns mit seinen Geschichten und Taten immer aufs Neue zum Nachdenken bringt. 

Wenn es um Gott geht, macht er keine Kompromisse. Er richtet sich nicht nach unseren Gottesbildern und Glaubensvorstellungen. Auch nicht nach der üblichen Moral und unseren Werten. Jesus bestätigt uns nicht einfach. Er fordert uns heraus. Denn wenn es um Gott geht, liebe Freunde, geht es um alles, um dich und mich, um Leben und Tod. Ihm ist er treu geblieben: ihm, sich selbst und uns - bis zum Kreuz.


Zurück zu unserer Geschichte. 

Der Gutsherr hätte allen Grund gehabt, den Sohn zu verstoßen. Stattdessen, wir haben es gehört, hat er ihn an sein Herz gedrückt. Nein, er macht ihm keine Vorwürfe. Fragt nicht nach Reue. Verlangt kein Schuldbekenntnis, keine Bitte um Vergebung. 

Das alles ist Sache des Sohnes, aber keine Bedingung des Vaters. Sein Kind muss vor ihm nicht zu Kreuze kriechen. 

Die Liebe des Vaters war es, die alles für ihn getan hat. Die Liebe, die größer ist als Schmerz und Zorn.


Mit ihm zeigt mir Jesus, wie Gott ist: barmherzig, warmherzig und, wie Luther schreibt, „ein glühender Backofen voll Liebe“.

Und wenn wir auch noch so lange nichts mehr von ihm wissen wollten, so sagt uns Jesus mit seiner Geschichte: 

„Genau für dich erzähle ich sie. Vertraue ihm und komm zurück. Gott läuft auch dir entgegen. Du bist und du bleibst ja sein Kind, das er vermisst. Auch wenn du dich in der Welt verlierst und ihn vergisst, er vergisst dich nicht und gibt dich nicht verloren." 

Was für eine frohe Botschaft! Ja, Gott ist anders, als wir Menschen sind.


Doch es gibt auch ein hartes Brot zu beißen. Die Geschichte Jesu legt den Gedanken nahe, dass irgendwann und irgendwie jeder wieder bei Gott daheim sein wird, in diesem Leben oder an seinem Ende. Jeder?

Wirklich jeder? Auch solche, die anderen größtes Leid zugefügt haben? All die Schurken und Menschenfeinde? - Das kann und will ich nicht glauben. 


Doch es kommt nicht darauf an, was ich will, sondern was Gott will, wie er sich in Jesus zeigt. Solche Dinge, die ich nicht verstehe, machen mich ratlos. Also lege ich sie in seine Hand und sage: 

„Herr, du weißt, was du tust. Ich bin nicht dein Richter. Ich vertraue aber, dass du mich annimmst mit allem, womit ich schuldig geworden bin vor dir und den Menschen. Denn bei dir finde ich Frieden. Bei dir bin ich daheim.“


Und was, liebe Sommersdorfer Gemeinde, ist mit allen anderen? Ich weiß es nicht. Aber das glaube ich: Gottes Liebe ist grenzenlos.

Sie ist meine Zuflucht in allen Sorgen, auch in meiner letzten Not. In ihr ist meine Seele daheim, nicht nur, wenn ich aus einem Albtraum erwache, sondern auch aus diesem Leben.


Und wenn er mich dann nach Hause ruft, dann, so glaube ich, geschieht mit mir, was auch einmal mit dir geschieht. Dann kommt er uns entgegen, freudestrahlend, nimmt uns in seine Arme und wir feiern ein Fest. 


So glaube ich. So stelle ich mir das vor. So habe ich es gelernt aus Jesu Geschichte vom Verlorenen Sohn und dem barmherzigen Vater. Und das, liebe Freunde, wollte ich in meinem letzten Gottesdienst an euch weitergeben. Amen

Sonntag, 9. August 2026

Es war ein Mensch hl

Lesung und Predigt für den Gottesdienst am 9.8.26, 9:00 h in Thann

Lesung: Die Geschichte vom barmherzigen Samariter


Ein Gesetzeslehrer aus dem Tempel wollte Jesus eine Falle stellen. 

»Herr«, fragte er, »wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: 

»Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon.

Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging weiter. Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er ging an ihm vorbei.

Dann kam einer der verachteten Samariter, mit denen die Juden damals verfeindet waren.

Als er den Verletzten sah, überkam ihn Mitleid. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte.

Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

»Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«


Predigt: Es war ein Mensch


Liebe Gemeinde,


ausgerechnet am Freitag vor acht Tagen, als ich im Zug nach München schon dauernd über diese Predigt nachgedacht habe, ausgerechnet da ist es mir passiert.

Doch habt ein bisschen Geduld, bevor ich euch das erzähle. Denn ein paar Tage zuvor habe ich etwas anderes erlebt, das für mich ebenfalls mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter zu tun hat.


Also, ich bin durch den Wartebereich im Klinikum in Gunzenhausen gegangen. Da sah ich eine junge Frau, die verkrampft auf ihrem Stuhl saß. Sie hatte allem Anschein nach Angst vor dem, was auf sie zukommen könnte. Neben ihr ein älterer Herr. Er hatte eine Zeitung in der Hand und schien zu lesen. Doch mit den Fingerrücken der anderen Hand streichelte er ihr sacht den Oberarm. So versuchte er sie unauffällig zu beruhigen. Vermutlich war er ihr Vater, der sie begleitete.

Diese kleine Geste, die ich im Vorbeigehen, sozusagen aus dem Augenwinkel, wahrgenommen habe, hat mich berührt. Aber warum?

Da ist ja gar nichts Besonderes passiert. Eigentlich ist jene Geste nicht der Rede wert. Nun ja, für die junge Frau vielleicht doch: 

Sie spürte, da ist ein Mensch bei mir, der sieht, dass es mir schlecht geht. Der mich beruhigen und mir die Angst nehmen will. Einer, der mich bei diesem Gang zum Arzt begleitet, weil er mich mag. Einer, dem ich vertraue.

Ob dieser Mann gläubig war? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er die Not seiner Tochter bemerkt und ihr geholfen. Das, liebe Freunde, das ist es, was zählt.

Ich jedenfalls habe mich gefreut, als ich das sah. Ja, so will ich auch sein: aufmerksam, zugewandt und hilfsbereit. Und das nicht nur zu Freunden und Verwandten.


Aber bin ich das auch?

Dazu erzähle ich nun mein zweites Erlebnis ein paar Tage später:


In der Geschichte Jesu vom barmherzigen Samariter geht es ebenfalls darum, dass man genau hinsieht, wenn ein anderer in Not ist. Und dass man dann auch bereit ist, zu ihm zu gehen und ihm zu helfen. So wie ihr es vorhin in der Lesung gehört habt. Vielleicht denkt ihr jetzt, das ist doch selbstverständlich. In der Familie schon. Im Dorf vielleicht. Aber sonst?


Jener Reisende aus dem Gebiet der Samariter sieht einen Unbekannten schwer verletzt am Wegrand liegen. Er hat Mitleid. Steigt von seinem Reittier ab und hilft so gut er kann. 

Er fragt nicht nach der Volkszugehörigkeit des Überfallenen. Nicht nach seiner Religion. Der Mann schaut hin und geht hin zu dem, der jetzt Hilfe braucht. Seine Hilfe, denn ein anderer war ja nicht da.

Zwei andere Männer vor ihm haben das nicht getan, erst ein Priester und dann ein Tempeldiener. Heute würden wir sagen: ein Pfarrer und ein Mesner. Die haben sich dem Verletzten nicht zugewandt, sondern sich von ihm abgewandt. Die sind schon über alle Berge.

Unser Mann aber denkt nicht mal daran. Auch wenn er Zeit verliert, auch wenn er sich die Hände und die Kleider schmutzig macht, auch wenn er nicht weiß, wen er da vor sich hat. Er sieht, geht hin und hilft. Und was er da sieht, ist ein Mensch in Not.


Doch Jesus geht es mit seiner Geschichte nicht nur um den Verletzten. Ihm ist noch etwas anderes wichtig. Ihm geht es um dich in der Kirchenbank und um mich auf der Kanzel. Er sagt zu mir: Nicht der andere ist dein Nächster, den du lieben, dem du helfen sollst. Nein, das sagt er nicht. Er sagt: 

Du, Hans Löhr, bist dem am nächsten, den du gerade vor dir hast. Ihn kannst du freundlich grüßen, auch wenn er dir fremd ist. Ihm kannst du die Tür aufhalten und den Vortritt lassen. Ihm kannst du helfen, wenn er in Not ist. 


Aber nun sollte sich zeigen, ob ich auch tue, was ich predige. Und das am Freitag vor acht Tagen, mitten im Hauptbahnhof von München auf dem Weg vom Zug zur S-Bahn.


Während ich mit dieser Predigt im Kopf "schwanger" ging, quetschte ich mich in der völlig überfüllten Bahnhofshalle durch die Menge. Nur raus hier, war alles, was ich wollte. Die vielen Menschen! Das bin ich in Sommersdorf nicht mehr gewöhnt.

Da sah ich einen älteren Mann, der offenbar von Schmerzen stark gekrümmt, an der Wand lehnte und so komisch mit dem Daumennagel an der Wandfarbe kratzte. Sein ärmliches Gepäck lag achtlos auf dem schmutzigen Boden. 

Was jetzt? 

Ich blieb stehen, beugte mich zu ihm und fragte: "Brauchen Sie Hilfe?" Er schüttelte den Kopf. Dann fragte ich ihn noch einmal. Er schüttelte wieder den Kopf. Vermutlich war er ein Ausländer. Ob er mich richtig verstanden hat?

Eigentlich war ich jetzt nicht mehr verpflichtet, ihm zu helfen. Ich hatte ja gefragt. Die vielen Menschen im Bahnhof. Die wartende S-Bahn. Die Hitze. Da bin ich erst mal erleichtert weitergegangen. 

Zunächst fühlte ich mich ganz gut.  Aber dann holte mich die Geschichte vom barmherzigen Samariter wieder ein. Und ich dachte mir: 

Hm, ich habe das Nein des Mannes respektiert. Aber hätte ich in diesem Fall nicht trotzdem mehr tun sollen? Dem Mann sah ich doch an, dass er starke Schmerzen hatte. Hätte ich nicht doch professionelle Hilfe rufen sollen? Die Bahnhofsmission oder das Rote Kreuz? Schließlich hatte ich ja mein Handy dabei. 


Bei diesen Gedanken fühlte ich mich gleich nicht mehr so gut. 


Inzwischen denke ich: Ja, ich habe den Mann gesehen. Ja, ich bin zu ihm gegangen. Ja, ich habe ihn gefragt. Aber geholfen habe ich ihm nicht. Habe keine Helfer gerufen. Bin nicht bei ihm geblieben obwohl ich ihm in diesem Augenblick am nächsten war. Und jetzt schäme ich mich.


Doch die Geschichte vom Samariter hat noch eine andere Dimension, die uns alle betrifft.


„Es war ein Mensch", damit beginnt Jesus seine Erzählung. Mein Gott, was für ein Satz! Diese vier unscheinbaren Wörter haben es in sich. Sie widersprechen dem, wie man damals gedacht und sich verhalten hat, oft noch bis heute:

Wir, die Einheimischen und dort die Fremden, die anders aussehen, anders sprechen und glauben. Wir und die da, mit denen man nichts zu tun haben möchte.

Und dahinein sagt Jesus: "Es war ein Mensch", von Gott geschaffen.  Einer, der Hilfe brauchte. Einer wie du und ich. 

Das, liebe Freunde, - das soll mir wichtig bleiben, dass ich im anderen zuerst den Menschen sehe und selbst menschlich bleibe. 


Ja, ich glaube, dass eine gute Macht im Himmel und auf Erden wirkt, der barmherzige Gott. Er hilft auf verschiedene Weise, aber vor allem durch andere Menschen. Er half jener Frau in der Klinik durch ihren Vater. Er hilft durch Leute wie den Samariter. Er wird jenem Mann im Bahnhof noch geholfen haben auch ohne mich. Er hilft auch uns und durch uns.

In Jesus zeigt er sich, wie er wirklich ist: wie ein Vater mit einem guten Herzen. Voll Liebe und Geduld. Ihm kann ich vertrauen. Und du auch.


Amen


Sonntag, 5. Juli 2026

Du wirst nicht verraten hl

Predigt am 5. Juli 2026 im Lichtblickgottesdienst

Du wirst nicht verraten

Bibelwort: Die Fußwaschung (Johannes 13,4.5.12-18)

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Lichtblickgemeinde,

es war im Jahr 1982 im Pastoralkolleg Neuendettelsau. Wir waren eine Handvoll junger Pfarrerinnen und Pfarrer, Anfang 30, und kamen zur Morgenandacht zusammen. Da lagen diese Gegenstände hier vor uns auf dem Boden: Eine Schürze, eine Waschschüssel und eine Dornenkrone. Dann hat der Kursleiter den passenden Abschnitt aus dem Johannes Evangelium (Kapitel 13,4.5.12-15) vorgelesen:
Dieses Bild hat mich tief beeindruckt und nicht wieder losgelassen. Es zeigt, wie Jesus sich selbst verstanden hat und wie er von denen verstanden sein will, die ihm folgen. 

Das Bibelwort

Im Johannesevangelium heißt es dazu: (eine Mitarbeiterin liest den Text vor)
„Das Passahfest stand kurz bevor. Jesus wusste, dass nun die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zurückzukehren. Er hatte die Menschen geliebt und er hörte nicht auf, sie zu lieben. An diesem Abend aß Jesus zusammen mit seinen Jüngern. 

Da stand er vom Tisch auf, legte sein Obergewand ab und band sich ein Tuch aus Leinen um.
Er goss Wasser in eine Schüssel und begann, seinen Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen.
Nachdem er ihnen die Füße gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und kehrte zu seinem Platz am Tisch zurück.
“

Das Kontrastprogramm

Was wir hier aus dem Johannesevangelium hören, stellt das Bild, das sich viele von Jesus machen, auf den Kopf - bis heute. Diese Tat und seine Worte sind so revolutionär, dass es viele Christen seit 2000 Jahren nicht aushalten, Jesus so zu sehen und zu verstehen. Sie wollen einen Jesus, mit dem man nicht aneckt, mit dem man sich nicht schämen muss genauso wie damals seine Jünger.

Die sind geschockt, sind entsetzt: „Was tut er da? Anderen die Füße waschen? Das darf kein Jude tun und schon gar nicht unser Herr. Damit macht er sich unrein. Damit sinkt er auf die unterste Stufe. Dafür sind doch die heidnischen Sklaven aus dem Ausland da.“ Und jetzt? Jetzt kniet er, ihr Herr, vor ihnen auf dem Fußboden!

Da sagt Jesus etwas, das alles verändert: Er fragt seine Jünger: »Versteht ihr, was ich eben getan habe? Ihr nennt mich Lehrer und Herr. Das ist auch richtig so, denn ich bin es. Wenn schon ich, euer Lehrer und Herr, euch die Füße gewaschen habe, dann sollt auch ihr euch gegenseitig die Füße waschen. Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. Handelt ebenso!« 

Das ist das krasse Kontrastprogramm zu allen politischen und religiösen Herrschaftsmodellen. Wahre Größe zeigt sich nicht im Beherrschen, sondern im Dienen. Und das Erschreckende ist: Jesus tut das nicht aus einer Schwäche heraus. Aus der Fülle seiner Macht, die Gott ihm gegeben hat, wählt er das Knien, nicht das Thronen. Er ist sich nicht zu schade, sich die Hände schmutzig zu machen. Und er legt uns ans Herz, es ihm gleichzutun.

Seine Größe zeigt sich darin, dass er sich hingibt, demütig und sanftmütig. Dass er vergibt und auf jede Form von militärischer und sonstiger Gewalt verzichtet. Gottes Majestät und Macht zeigt sich darin, dass er in diesem Jesus und in keinem anderen zu uns kommt, in dem Kind aus dem Stall und in dem Mann am Kreuz.

Dienen heute

Das stellt alle Gottesbilder, die man sich auch in anderen Religionen macht, auf den Kopf. Die Neuendettelsauer Diakonissen haben das wohl verstanden, denn ihr Wahlspruch lautet: 

»Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe; mein Lohn ist, dass ich darf!«

Aber sind das nicht unerfüllbare Forderungen? Kriegt man da nicht ein schlechtes Gewissen, wenn man das hört? Nein, das ist unnötig. Ich weiß ja, was in vielen Häusern in unseren Dörfern geschieht, wie sehr sich die Mütter um ihre Kinder und oft noch um die Alten kümmern; und wie auch die Männer ihren Teil dazu beitragen. Und ich weiß, dass das an der Haustür nicht aufhört. Da sind noch andere im Dorf, ob verwandt oder nicht, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Auch die werden bei uns nicht links liegen gelassen. Ausnahmen gibt es immer. Auf die gehe ich jetzt nicht ein. Und dann gibt es auch noch die vielen Organisationen mit den Ehrenamtlichen: die Feuerwehr, den Gemeinderat, die Schülerlotsen, die Besuchsdienste …

Es geht nicht darum, dass man bis zur Erschöpfung für andere da ist. Aber darum geht es heute in der Predigt, dass Jesus uns den Weg zeigt, auf dem wir unterwegs sein sollen, egal wie weit wir kommen.

Die Dornenkrone

Und dann ist auf dem Bild noch ein dritter Gegenstand zu sehen, eine Dornenkrone, die unser Tagungsleiter damals für unsere Morgenandacht hingelegt hatte. Damit wollte er uns sagen: 

Der da wie ein Sklave seinen Jüngern die Füße wäscht, geht noch weiter. Er bleibt seiner göttlichen Sendung treu. Er läuft nicht davon, wenn es um alles geht, ums Leben. Er verrät Gottes bedingungslose Liebe nicht. Er verrät uns Menschen nicht, egal was wir glauben oder nicht glauben, ob wir männlich sind oder weiblich, oder wie man sich auch immer fühlen mag. Ob Deutsche oder Menschen mit Migrationshintergrund. Jesus verrät die Menschen in den Gefängnissen nicht, genauso wenig wie er den Verräter Judas verraten hat. Auch ihm wäscht er die Füße. Und ich glaube, auch jeder von uns verrät ihn immer wieder auf die eine oder andere Weise. 

Auch ein kleiner Verrat bleibt ein Verrat: wenn wir einander die Liebe und die Vergebung schuldig bleiben. Wenn wir nicht mehr fragen, was Jesus jetzt an meiner Stelle tun würde. Oder wenn wir unsere negativen Gefühle nicht beherrschen und andere abwerten. Jeder weiß doch, worum es geht.

Ja, das ist die Botschaft der Dornenkrone: Du wirst nicht verraten. Vielleicht von Menschen, aber nicht von ihm, nicht von Gott. Er ist und bleibt bei dir in deinen guten Zeiten. Doch er hält bei dir aus auch in den Zeiten deiner Schmerzen und Leiden, in denen du versagst und Angst hast.

Dienen mit Gebet

Vor einiger Zeit ist in meinem Bekanntenkreis ein schlimmes Unglück passiert. Da haben viele der Patientin und ihrem Mann mit ihren Gebeten und guten Wünschen gedient. Ich kenne auch solche Zeiten, wo man zu Hause sitzt und für einen geliebten Menschen nichts tun kann, der auf der Intensivstation in Todesgefahr schwebt.

Doch, du kannst Gott durch Jesus bitten, dass er jetzt bei diesem Menschen ist, ihn von allen Seiten umgibt und seine Hand über ihn hält (Psalm 139). Und du kannst ihm danken, dass er durch so viele andere Menschen hilft, auch durch die, von denen man gar nichts erfährt: angefangen von der Putzfrau im Krankenhaus bis zum Arzt. Ja, dafür kann man danken.

Woraus Jesus seine Kraft schöpft

Und jetzt frage ich euch: Hat Jesus Christus überhaupt die Macht und die Kraft, uns aus unseren Ängsten und Leiden zu reißen? Mitten im Leben und auch am Ende?

Viele von uns würden sofort sagen: „Ja, natürlich!“ Gut. Aber was ist das für eine Kraft? Eine überirdische? Der Liederdichter Paul Gerhardt hat die Antwort in seinem Passionslied gegeben. Er schreibt:

»Wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten 
kraft deiner Angst und Pein.
«

Das ist das Geheimnis unseres Glaubens: Jesus rettet uns nicht um Geld, nicht mit Gewalt und Waffen, auch nicht mit Wundern und Riten.

Seine Kraft kommt aus seiner Angst und seinen Schmerzen. Das Zeichen seiner Macht ist die Dornenkrone. Durch sie sagt er mir: »Ich, Jesus, bin dein König. Ich bin zu den Menschen gekommen, um sie zu lieben. Aber sie haben mich geschlagen. Ich habe nicht zurückgeschlagen, noch habe ich mich verdrückt. Ich halte bei euch aus, bei dir und bei dir, bei jedem, ob er das weiß oder nicht, ob er das glaubt oder nicht. Ich bin auch dann noch bei dir, wenn dir einmal niemand mehr helfen kann.
So bin ich dir treu bis zuletzt, selbst wenn du mich verrätst aus Angst, Zweifel und Unwissenheit. Ich kann dich aus deinen Schmerzen und deiner Angst herausreißen, weil ich sie selbst erlebt habe. Weil ich mitfühle, wenn ein Mensch leidet. Meine Treue und meine Kraft kommt aus meinen Schmerzen und Ängsten. Sie kommt auch zu dir. Amen

Gebet:

Herr, ich danke dir für mein Leben – für die glücklichen Zeiten, aber auch für den ganz normalen Alltag. Ich will dir gerade auch dann danken, wenn es mir mal nicht gut geht. Denn ich weiß: Auch dann bist du bei mir, hältst bei mir aus und du bleibst mir treu, was immer auch kommt.

Ich danke dir, dass du auch bei meinen Angehörigen bist, ob sie es nun spüren oder nicht. Ich danke dir, dass du diese Schöpfung in deinen Händen hältst, auch wenn ich deine Wege nicht immer verstehe.

Hilf mir dabei, etwas von deiner Menschenliebe weiterzugeben, so gut ich kann. Damit will ich dich ehren. Halte deine segnende und schützende Hand über uns alle und lass in unserer kleinen und in der großen Welt deinen Willen geschehen. Amen

Herzliche Grüße

Ihr / dein

Hans Löhr

Abschied und Dank: 

Ich möchte mich hier von allen Leserinnen und Lesern des Blog "Nachdenken über die Bibel" offiziell verabschieden. Vielen Dank, dass Sie sich teilweise über Jahre für meine Gedanken und Gebete interessiert haben. Das gilt auch für die, die mir gegenüber kritisch eingestellt waren und sind.

Wenn es die Umstände erlauben, werde ich vielleicht noch das eine oder andere Bibelwort auslegen. Regelmäßige Veröffentlichungen finden nicht mehr statt.

Montag, 11. Mai 2026

Brief an Valentin hl

Gedanken zum Konfirmationsspruch von Valentin:

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.” Psalm 18,30 b


Lieber Valentin, 


diese Gedanken zu deinem Konfirmationsspruch sollen dich ermutigen, dass du zuversichtlich deinen Lebensweg weitergehst, ob er leicht ist oder auch mal schwer.


„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen” - das sagt ein Mann aus der Bibel, der auf sein bisheriges Leben zurückschaut und staunt, wie er über die Hindernisse hinweg gekommen ist, die ihm im Weg standen. Hindernisse, vor denen er sich zunächst gefürchtet hat. Er glaubte, dass sie zu hoch für ihn seien und er scheitern würde.


Was solche Mauern in deinem Leben waren, weißt nur du. Aber so viel kann ich aus meinem sagen: dazu gehörten Prüfungen und Tests, vor denen es mir manchmal graute. Dazu gehörten Krankheiten und Operationen. Dass das alles gut ausgehen würde, wusste ich vorher natürlich nicht. 


Dazu gehörten auch Streit unter Freunden, Enttäuschungen und das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht stark genug, nicht erfolgreich genug und nicht selbstbewusst genug.


Wenn dann alles vorbei und gut überstanden war, dachte ich nicht länger darüber nach, was mir geholfen hatte. Aber manchmal schaute ich doch zurück. Dann glaubte ich, eine große und gute Kraft in meinem Leben zu spüren. Sie hatte mir geholfen und mich behütet. Das machte mich dankbar.


Für mich ist das Gott, der mir über die verschiedenen Mauern geholfen hat. Er hat mir auch durch andere Menschen geholfen, früher durch meine Eltern, später durch meine Freunde und jetzt durch meine Nachbarn und deine Oma.


Er hat mir immer wieder Lebensmut und Freude geschenkt, vor allem durch meine Kinder und Enkelkinder. Und auch über dich freue ich mich, einfach weil es dich gibt. Du bist ein Geschenk.


Das alles, lieber Valentin, macht mich zuversichtlich, meinen Lebensweg weiterzugehen und jeden Tag dankbar zu sein, auch wenn es mir mal nicht so gut geht. Das gibt mir Kraft, auch die Hindernisse zu überwinden, die noch vor mir liegen.


Lieber Valentin, ich wünsche dir zur Konfirmation und für dein weiteres Leben, dass auch du von Gott sagen kannst: „Mein Gott.” - Er ist keine anonyme Macht. Wie er zu dir ist, zeigt er dir in Jesus: freundlich, liebevoll und treu. Zugleich sind seine Worte wie Sterne, an denen wir uns orientieren können.


Er ist es, der auch dich in Zukunft über Mauern springen lässt. Er ist bei dir, auch wenn du nicht an ihn denkst oder glaubst. Und wenn du mal vor einer großen Mauer stehst, die dir Angst macht und die zu hoch für dich scheint, dann kannst du ihm sagen: 


„Hilf mir auch jetzt, mein Gott. Ich nehme meinen Mut zusammen und springe mit all meiner Kraft, die du mir gibst. Doch wenn ich einen anderen Weg gehen soll, so zeige ihn mir. Hauptsache, du weißt den Weg für mich und bleibst bei mir. Darauf will ich mich verlassen.”


Also, mein Valentin, alles Gute und Liebe zu deiner Konfirmation und für dein weiteres Leben.


Gott segne dich!


Dein Opa Hans