Sonntag, 9. August 2026

Es war ein Mensch hl

Lesung und Predigt für den Gottesdienst am 9.8.26, 9:00 h in Thann

Lesung: Die Geschichte vom barmherzigen Samariter


Ein Gesetzeslehrer aus dem Tempel wollte Jesus eine Falle stellen. 

»Herr«, fragte er, »wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?« 

Jesus antwortete ihm mit einer Geschichte: 

»Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie schlugen ihn zusammen, raubten ihn aus und ließen ihn halb tot liegen. Dann machten sie sich davon.

Zufällig kam bald darauf ein Priester vorbei. Er sah den Mann liegen und ging weiter. Genauso verhielt sich ein Tempeldiener. Er sah zwar den verletzten Mann, aber er ging an ihm vorbei.

Dann kam einer der verachteten Samariter, mit denen die Juden damals verfeindet waren.

Als er den Verletzten sah, überkam ihn Mitleid. Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in den nächsten Gasthof, wo er den Kranken besser pflegen und versorgen konnte.

Am folgenden Tag, als er weiterreisen musste, gab er dem Wirt zwei Silberstücke aus seinem Beutel und bat ihn: ›Pflege den Mann! Sollte das Geld nicht reichen, werde ich dir den Rest auf meiner Rückreise bezahlen!‹ 

»Was meinst du?«, fragte Jesus jetzt den Gesetzeslehrer. »Welcher von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« Der Gesetzeslehrer erwiderte: »Natürlich der Mann, der ihm geholfen hat.« »Dann geh und folge seinem Beispiel!«


Predigt: Es war ein Mensch


Liebe Gemeinde,


ausgerechnet am Freitag vor acht Tagen, als ich im Zug nach München schon dauernd über diese Predigt nachgedacht habe, ausgerechnet da ist es mir passiert.

Doch habt ein bisschen Geduld, bevor ich euch das erzähle. Denn ein paar Tage zuvor habe ich etwas anderes erlebt, das für mich ebenfalls mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter zu tun hat.


Also, ich bin durch den Wartebereich im Klinikum in Gunzenhausen gegangen. Da sah ich eine junge Frau, die verkrampft auf ihrem Stuhl saß. Sie hatte allem Anschein nach Angst vor dem, was auf sie zukommen könnte. Neben ihr ein älterer Herr. Er hatte eine Zeitung in der Hand und schien zu lesen. Doch mit den Fingerrücken der anderen Hand streichelte er ihr sacht den Oberarm. So versuchte er sie unauffällig zu beruhigen. Vermutlich war er ihr Vater, der sie begleitete.

Diese kleine Geste, die ich im Vorbeigehen, sozusagen aus dem Augenwinkel, wahrgenommen habe, hat mich berührt. Aber warum?

Da ist ja gar nichts Besonderes passiert. Eigentlich ist jene Geste nicht der Rede wert. Nun ja, für die junge Frau vielleicht doch: 

Sie spürte, da ist ein Mensch bei mir, der sieht, dass es mir schlecht geht. Der mich beruhigen und mir die Angst nehmen will. Einer, der mich bei diesem Gang zum Arzt begleitet, weil er mich mag. Einer, dem ich vertraue.

Ob dieser Mann gläubig war? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hat er die Not seiner Tochter bemerkt und ihr geholfen. Das, liebe Freunde, das ist es, was zählt.

Ich jedenfalls habe mich gefreut, als ich das sah. Ja, so will ich auch sein: aufmerksam, zugewandt und hilfsbereit. Und das nicht nur zu Freunden und Verwandten.


Aber bin ich das auch?

Dazu erzähle ich nun mein zweites Erlebnis ein paar Tage später:


In der Geschichte Jesu vom barmherzigen Samariter geht es ebenfalls darum, dass man genau hinsieht, wenn ein anderer in Not ist. Und dass man dann auch bereit ist, zu ihm zu gehen und ihm zu helfen. So wie ihr es vorhin in der Lesung gehört habt. Vielleicht denkt ihr jetzt, das ist doch selbstverständlich. In der Familie schon. Im Dorf vielleicht. Aber sonst?


Jener Reisende aus dem Gebiet der Samariter sieht einen Unbekannten schwer verletzt am Wegrand liegen. Er hat Mitleid. Steigt von seinem Reittier ab und hilft so gut er kann. 

Er fragt nicht nach der Volkszugehörigkeit des Überfallenen. Nicht nach seiner Religion. Der Mann schaut hin und geht hin zu dem, der jetzt Hilfe braucht. Seine Hilfe, denn ein anderer war ja nicht da.

Zwei andere Männer vor ihm haben das nicht getan, erst ein Priester und dann ein Tempeldiener. Heute würden wir sagen: ein Pfarrer und ein Mesner. Die haben sich dem Verletzten nicht zugewandt, sondern sich von ihm abgewandt. Die sind schon über alle Berge.

Unser Mann aber denkt nicht mal daran. Auch wenn er Zeit verliert, auch wenn er sich die Hände und die Kleider schmutzig macht, auch wenn er nicht weiß, wen er da vor sich hat. Er sieht, geht hin und hilft. Und was er da sieht, ist ein Mensch in Not.


Doch Jesus geht es mit seiner Geschichte nicht nur um den Verletzten. Ihm ist noch etwas anderes wichtig. Ihm geht es um dich in der Kirchenbank und um mich auf der Kanzel. Er sagt zu mir: Nicht der andere ist dein Nächster, den du lieben, dem du helfen sollst. Nein, das sagt er nicht. Er sagt: 

Du, Hans Löhr, bist dem am nächsten, den du gerade vor dir hast. Ihn kannst du freundlich grüßen, auch wenn er dir fremd ist. Ihm kannst du die Tür aufhalten und den Vortritt lassen. Ihm kannst du helfen, wenn er in Not ist. 


Aber nun sollte sich zeigen, ob ich auch tue, was ich predige. Und das am Freitag vor acht Tagen, mitten im Hauptbahnhof von München auf dem Weg vom Zug zur S-Bahn.


Während ich mit dieser Predigt im Kopf "schwanger" ging, quetschte ich mich in der völlig überfüllten Bahnhofshalle durch die Menge. Nur raus hier, war alles, was ich wollte. Die vielen Menschen! Das bin ich in Sommersdorf nicht mehr gewöhnt.

Da sah ich einen älteren Mann, der offenbar von Schmerzen stark gekrümmt, an der Wand lehnte und so komisch mit dem Daumennagel an der Wandfarbe kratzte. Sein ärmliches Gepäck lag achtlos auf dem schmutzigen Boden. 

Was jetzt? 

Ich blieb stehen, beugte mich zu ihm und fragte: "Brauchen Sie Hilfe?" Er schüttelte den Kopf. Dann fragte ich ihn noch einmal. Er schüttelte wieder den Kopf. Vermutlich war er ein Ausländer. Ob er mich richtig verstanden hat?

Eigentlich war ich jetzt nicht mehr verpflichtet, ihm zu helfen. Ich hatte ja gefragt. Die vielen Menschen im Bahnhof. Die wartende S-Bahn. Die Hitze. Da bin ich erst mal erleichtert weitergegangen. 

Zunächst fühlte ich mich ganz gut.  Aber dann holte mich die Geschichte vom barmherzigen Samariter wieder ein. Und ich dachte mir: 

Hm, ich habe das Nein des Mannes respektiert. Aber hätte ich in diesem Fall nicht trotzdem mehr tun sollen? Dem Mann sah ich doch an, dass er starke Schmerzen hatte. Hätte ich nicht doch professionelle Hilfe rufen sollen? Die Bahnhofsmission oder das Rote Kreuz? Schließlich hatte ich ja mein Handy dabei. 


Bei diesen Gedanken fühlte ich mich gleich nicht mehr so gut. 


Inzwischen denke ich: Ja, ich habe den Mann gesehen. Ja, ich bin zu ihm gegangen. Ja, ich habe ihn gefragt. Aber geholfen habe ich ihm nicht. Habe keine Helfer gerufen. Bin nicht bei ihm geblieben obwohl ich ihm in diesem Augenblick am nächsten war. Und jetzt schäme ich mich.


Doch die Geschichte vom Samariter hat noch eine andere Dimension, die uns alle betrifft.


„Es war ein Mensch", damit beginnt Jesus seine Erzählung. Mein Gott, was für ein Satz! Diese vier unscheinbaren Wörter haben es in sich. Sie widersprechen dem, wie man damals gedacht und sich verhalten hat, oft noch bis heute:

Wir, die Einheimischen und dort die Fremden, die anders aussehen, anders sprechen und glauben. Wir und die da, mit denen man nichts zu tun haben möchte.

Und dahinein sagt Jesus: "Es war ein Mensch", von Gott geschaffen.  Einer, der Hilfe brauchte. Einer wie du und ich. 

Das, liebe Freunde, - das soll mir wichtig bleiben, dass ich im anderen zuerst den Menschen sehe und selbst menschlich bleibe. 


Ja, ich glaube, dass eine gute Macht im Himmel und auf Erden wirkt, der barmherzige Gott. Er hilft auf verschiedene Weise, aber vor allem durch andere Menschen. Er half jener Frau in der Klinik durch ihren Vater. Er hilft durch Leute wie den Samariter. Er wird jenem Mann im Bahnhof noch geholfen haben auch ohne mich. Er hilft auch uns und durch uns.

In Jesus zeigt er sich, wie er wirklich ist: wie ein Vater mit einem guten Herzen. Voll Liebe und Geduld. Ihm kann ich vertrauen. Und du auch.


Amen