Predigt am 5. Juli 2026 im Lichtblickgottesdienst
Du wirst nicht verraten
Bibelwort: Die Fußwaschung (Johannes 13,4.5.12-18)
es war im Jahr 1982 im Pastoralkolleg Neuendettelsau. Wir waren eine Handvoll junger Pfarrerinnen und Pfarrer, Anfang 30, und kamen zur Morgenandacht zusammen. Da lagen diese Gegenstände hier vor uns auf dem Boden: Eine Schürze, eine Waschschüssel und eine Dornenkrone. Dann hat der Kursleiter den passenden Abschnitt aus dem Johannes Evangelium (Kapitel 13,4.5.12-15) vorgelesen:
Dieses Bild hat mich tief beeindruckt und nicht wieder losgelassen. Es zeigt, wie Jesus sich selbst verstanden hat und wie er von denen verstanden sein will, die ihm folgen.
Das Bibelwort
Im Johannesevangelium heißt es dazu: (eine Mitarbeiterin liest den Text vor)
„Das Passahfest stand kurz bevor. Jesus wusste, dass nun die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zurückzukehren. Er hatte die Menschen geliebt und er hörte nicht auf, sie zu lieben. An diesem Abend aß Jesus zusammen mit seinen Jüngern.
Er goss Wasser in eine Schüssel und begann, seinen Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Tuch abzutrocknen.
Nachdem er ihnen die Füße gewaschen hatte, zog er sein Obergewand wieder an und kehrte zu seinem Platz am Tisch zurück.“
Das Kontrastprogramm
Was wir hier aus dem Johannesevangelium hören, stellt das Bild, das sich viele von Jesus machen, auf den Kopf - bis heute. Diese Tat und seine Worte sind so revolutionär, dass es viele Christen seit 2000 Jahren nicht aushalten, Jesus so zu sehen und zu verstehen. Sie wollen einen Jesus, mit dem man nicht aneckt, mit dem man sich nicht schämen muss genauso wie damals seine Jünger.
Die sind geschockt, sind entsetzt: „Was tut er da? Anderen die Füße waschen? Das darf kein Jude tun und schon gar nicht unser Herr. Damit macht er sich unrein. Damit sinkt er auf die unterste Stufe. Dafür sind doch die heidnischen Sklaven aus dem Ausland da.“ Und jetzt? Jetzt kniet er, ihr Herr, vor ihnen auf dem Fußboden!
Da sagt Jesus etwas, das alles verändert: Er fragt seine Jünger: »Versteht ihr, was ich eben getan habe? Ihr nennt mich Lehrer und Herr. Das ist auch richtig so, denn ich bin es. Wenn schon ich, euer Lehrer und Herr, euch die Füße gewaschen habe, dann sollt auch ihr euch gegenseitig die Füße waschen. Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. Handelt ebenso!«
Das ist das krasse Kontrastprogramm zu allen politischen und religiösen Herrschaftsmodellen. Wahre Größe zeigt sich nicht im Beherrschen, sondern im Dienen. Und das Erschreckende ist: Jesus tut das nicht aus einer Schwäche heraus. Aus der Fülle seiner Macht, die Gott ihm gegeben hat, wählt er das Knien, nicht das Thronen. Er ist sich nicht zu schade, sich die Hände schmutzig zu machen. Und er legt uns ans Herz, es ihm gleichzutun.
Seine Größe zeigt sich darin, dass er sich hingibt, demütig und sanftmütig. Dass er vergibt und auf jede Form von militärischer und sonstiger Gewalt verzichtet. Gottes Majestät und Macht zeigt sich darin, dass er in diesem Jesus und in keinem anderen zu uns kommt, in dem Kind aus dem Stall und in dem Mann am Kreuz.
Dienen heute
Das stellt alle Gottesbilder, die man sich auch in anderen Religionen macht, auf den Kopf. Die Neuendettelsauer Diakonissen haben das wohl verstanden, denn ihr Wahlspruch lautet:
»Was will ich? Dienen will ich. Wem will ich dienen? Dem Herrn in seinen Elenden und Armen. Und was ist mein Lohn? Ich diene weder um Lohn noch um Dank, sondern aus Dank und Liebe; mein Lohn ist, dass ich darf!«
Es geht nicht darum, dass man bis zur Erschöpfung für andere da ist. Aber darum geht es heute in der Predigt, dass Jesus uns den Weg zeigt, auf dem wir unterwegs sein sollen, egal wie weit wir kommen.
Die Dornenkrone
Und dann ist auf dem Bild noch ein dritter Gegenstand zu sehen, eine Dornenkrone, die unser Tagungsleiter damals für unsere Morgenandacht hingelegt hatte. Damit wollte er uns sagen:
Der da wie ein Sklave seinen Jüngern die Füße wäscht, geht noch weiter. Er bleibt seiner göttlichen Sendung treu. Er läuft nicht davon, wenn es um alles geht, ums Leben. Er verrät Gottes bedingungslose Liebe nicht. Er verrät uns Menschen nicht, egal was wir glauben oder nicht glauben, ob wir männlich sind oder weiblich, oder wie man sich auch immer fühlen mag. Ob Deutsche oder Menschen mit Migrationshintergrund. Jesus verrät die Menschen in den Gefängnissen nicht, genauso wenig wie er den Verräter Judas verraten hat. Auch ihm wäscht er die Füße. Und ich glaube, auch jeder von uns verrät ihn immer wieder auf die eine oder andere Weise.
Ja, das ist die Botschaft der Dornenkrone: Du wirst nicht verraten. Vielleicht von Menschen, aber nicht von ihm, nicht von Gott. Er ist und bleibt bei dir in deinen guten Zeiten. Doch er hält bei dir aus auch in den Zeiten deiner Schmerzen und Leiden, in denen du versagst und Angst hast.
Dienen mit Gebet
Vor einiger Zeit ist in meinem Bekanntenkreis ein schlimmes Unglück passiert. Da haben viele der Patientin und ihrem Mann mit ihren Gebeten und guten Wünschen gedient. Ich kenne auch solche Zeiten, wo man zu Hause sitzt und für einen geliebten Menschen nichts tun kann, der auf der Intensivstation in Todesgefahr schwebt.
Doch, du kannst Gott durch Jesus bitten, dass er jetzt bei diesem Menschen ist, ihn von allen Seiten umgibt und seine Hand über ihn hält (Psalm 139). Und du kannst ihm danken, dass er durch so viele andere Menschen hilft, auch durch die, von denen man gar nichts erfährt: angefangen von der Putzfrau im Krankenhaus bis zum Arzt. Ja, dafür kann man danken.
Woraus Jesus seine Kraft schöpft
Und jetzt frage ich euch: Hat Jesus Christus überhaupt die Macht und die Kraft, uns aus unseren Ängsten und Leiden zu reißen? Mitten im Leben und auch am Ende?
Viele von uns würden sofort sagen: „Ja, natürlich!“ Gut. Aber was ist das für eine Kraft? Eine überirdische? Der Liederdichter Paul Gerhardt hat die Antwort in seinem Passionslied gegeben. Er schreibt:
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.«
Das ist das Geheimnis unseres Glaubens: Jesus rettet uns nicht um Geld, nicht mit Gewalt und Waffen, auch nicht mit Wundern und Riten.
Seine Kraft kommt aus seiner Angst und seinen Schmerzen. Das Zeichen seiner Macht ist die Dornenkrone. Durch sie sagt er mir: »Ich, Jesus, bin dein König. Ich bin zu den Menschen gekommen, um sie zu lieben. Aber sie haben mich geschlagen. Ich habe nicht zurückgeschlagen, noch habe ich mich verdrückt. Ich halte bei euch aus, bei dir und bei dir, bei jedem, ob er das weiß oder nicht, ob er das glaubt oder nicht. Ich bin auch dann noch bei dir, wenn dir einmal niemand mehr helfen kann.
So bin ich dir treu bis zuletzt, selbst wenn du mich verrätst aus Angst, Zweifel und Unwissenheit. Ich kann dich aus deinen Schmerzen und deiner Angst herausreißen, weil ich sie selbst erlebt habe. Weil ich mitfühle, wenn ein Mensch leidet. Meine Treue und meine Kraft kommt aus meinen Schmerzen und Ängsten. Sie kommt auch zu dir. Amen
Gebet:
Herr, ich danke dir für mein Leben – für die glücklichen Zeiten, aber auch für den ganz normalen Alltag. Ich will dir gerade auch dann danken, wenn es mir mal nicht gut geht. Denn ich weiß: Auch dann bist du bei mir, hältst bei mir aus und du bleibst mir treu, was immer auch kommt.
Ich danke dir, dass du auch bei meinen Angehörigen bist, ob sie es nun spüren oder nicht. Ich danke dir, dass du diese Schöpfung in deinen Händen hältst, auch wenn ich deine Wege nicht immer verstehe.
Hilf mir dabei, etwas von deiner Menschenliebe weiterzugeben, so gut ich kann. Damit will ich dich ehren. Halte deine segnende und schützende Hand über uns alle und lass in unserer kleinen und in der großen Welt deinen Willen geschehen. Amen
Herzliche Grüße
Ihr / dein
Hans Löhr
Abschied und Dank:
Ich möchte mich hier von allen Leserinnen und Lesern des Blog "Nachdenken über die Bibel" offiziell verabschieden. Vielen Dank, dass Sie sich teilweise über Jahre für meine Gedanken und Gebete interessiert haben. Das gilt auch für die, die mir gegenüber kritisch eingestellt waren und sind.
Wenn es die Umstände erlauben, werde ich vielleicht noch das eine oder andere Bibelwort auslegen. Regelmäßige Veröffentlichungen finden nicht mehr statt.
Herzlichen Dank für die Auslegungen und die Gebete die Sie lieber Herr Löhr uns geschenkt haben . Ihre Worte waren oft Trost , aber auch Freude . Möge Gott seine schützende Hand über Sie und Ihre Lieben halten . Ich wünsche uns allen Gottes Segen!
AntwortenLöschenGott segne Dich, lieber Hans Löhr. Hab Dank und sei umarmt, Wolfgang.
AntwortenLöschenLieber Herr Löhr qas habe ich mich gefreut von Ihnen heute morgen zu lesen und Welch gute Worte dienen in Jesus Namen das ist unser Auftrag hier im Leben ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie Gottes Führung und Segen auf Uhrem weiteren Lebensweg und werde gerne auf Ihrem Blog reinschauen in der Hoffnung mal wieder von Ihnen zu lesen herzliche Grüße Angelika
AntwortenLöschenHerzlichen Dank für alle Ihre Worte, sie waren mir oft ein Trost! Gott segne Sie!!!
AntwortenLöschenHerzlichen Dank für die Auslegungen und die Gebete. Es hat mich und meine Beziehung verstärkt. Gott sei mit Ihnen! Gott segne Sie!
AntwortenLöschenMfG. Daniela
Gott sei gedankt für Ihre Arbeit als Hirte und Hoffnungsträger und Tröster in guten und schweren Zeiten
AntwortenLöschenGott segne Sie