Freitag, 3. November 2023

Das Band, das uns verbindet hl

Losung: Suchet den HERRN, all ihr Elenden im Lande, die ihr seine Rechte haltet! Suchet Gerechtigkeit, suchet Demut! Zefanja 2,3 

Lehrtext: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Kolosser 3,12 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

ich kann mit der Losung heute nicht sehr viel anfangen, da sie doch recht allgemein gehalten ist. Aber umso mehr spricht mich der Lehrtext an. In meiner aktiven Zeit als Pfarrer habe ich ihn und die dazugehörenden Verse oft bei Trauungen vorgelesen. Ob die Brautpaare zugehört haben und in Gedanken nicht schon bei der anschließenden Feier waren? Wer weiß das schon. Aber manchmal müssen bestimmte Sätze und Worte gesagt werden, auch wenn du nicht weißt, ob du Gehör findest.

Der Lehrtext im Zusammenhang

Hier noch einmal der Zusammenhang, in dem der heutige Lehrtext steht. Paulus schreibt:
»Ihr seid von Gott auserwählt und seine geliebten Kinder, die zu ihm gehören. Darum soll jetzt herzliches Mitgefühl euer Leben bestimmen, ebenso wie Güte, Bescheidenheit, Nachsicht und Geduld.
Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn jemand euch Unrecht getan hat. Denn auch Christus hat euch vergeben.
Wichtiger als alles andere ist die Liebe. Wenn ihr sie habt, wird euch nichts fehlen. Sie ist das Band, das euch verbindet.
Und der Friede, den Christus schenkt, soll euer ganzes Leben bestimmen. Gott hat euch dazu berufen, in Frieden miteinander zu leben; ihr gehört ja alle zu dem einen Leib von Christus. Dankt Gott dafür!« (Kolosser 3,12-15)

Diese Sätze verstehen sich von selbst. Aber jeder Mensch, der sie hört und der sich als Christ berufen fühlt, sie zu beachten, sollte dann auch immer wieder darüber nachdenken, was sie für das persönliche Leben bedeuten aber auch für das Leben in der gegenwärtigen Zeit und Welt.

Verlässlicher Wegweiser

Ich frage mich, soll ich mich mit meinem Glauben und dem, was mir wichtig ist, nach dem richten, was in unserer Gesellschaft gerade allgemeine Auffassung ist oder ist ein Wort wie dieses aus dem Kolosser Brief mein Wegweiser unabhängig davon, was im Großen und im Kleinen gerade passiert?
Wie schaut es bei mir aus mit herzlichem Mitgefühl, das mein Leben bestimmen soll  ebenso wie die Güte, Bescheidenheit, Nachsicht und Geduld? Bin ich bereit, andere zu ertragen und ihnen zu vergeben, wenn sie mir Unrecht getan haben, da doch auch Christus mir und ihnen vergeben hat? Und ist mir die Liebe wirklich wichtiger als alles andere? Wird mir dann auch nichts fehlen in meinem Leben? Und ist sie es, die mich mit meinen Mitmenschen verbindet? Bestimmt auch der Friede, den Christus schenkt mein ganzes Leben? Hat Gott mich dazu berufen, in Frieden mit anderen zu leben, da ich mit anderen zu dem einem Leib von Christus gehöre? Bin ich dafür auch wirklich dankbar? Und hat der innere, der Seelenfrieden auch mit dem äußeren, dem Frieden in der Welt zu tun?

Was mich als Christ ausmacht

Darüber will ich heute nachdenken und auch darüber, was es bedeutet, wenn mir diese Sätze tatsächlich wichtig sind. Ob sie dann mein Verhalten, meine Gedanken und auch meine Gefühle beeinflussen? Ob ich dann immer noch so bin wie die meisten anderen in unserer Gesellschaft und meine Meinung von den Medien bilden lasse?
Was ist es eigentlich, das mich als Christ ausmacht? Ich glaube nicht, dass es das ist, dass ich alles erfülle, was in den Sätzen aus dem Kolosserbrief steht. Aber dass sie für mich ein innerer Kompass sind, der mir hilft, mich zu orientieren und mich in meinem kleinen Leben und in der großen Welt zurechtzufinden. Denn diese Sätze, liebe Leserin, lieber Leser, hat sich nicht der Apostel Paulus einfach so ausgedacht. Aus ihnen spricht der Geist Jesu, der Heilige Geist, der ihn mit Gott verbindet. Um solcher Worte willen bin ich Christ, auch wenn ich im Leben dahinter zurückbleibe.
 

Gebet: Herr, ich danke dir für dein Wort, das mir den Weg durch diese Welt und Zeit zeigt, an das ich mich halten, an dem ich mich orientieren kann. Und wenn ich durch die aktuellen Ereignisse verstört und ratlos werde, so ist es doch dein Wort, so bist es doch du, der mich wieder in die Spur bringt. Amen

                                                                                                                             

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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1728 erschien in Herrnhut die erste Tageslosung, ein Bibelwort aus dem Alten Testament, das für jeden Tag des Jahres ausgelost wird. Dazu wird der Lehrtext, ein passendes Bibelwort aus dem Neuen Testament, ausgesucht. Inzwischen erscheinen die täglichen „Losungen“ in etwa 50 Sprachen.
Ich lege Losung und Lehrtext aus, weil einer Untersuchung zufolge das Nachdenken über Bibelworte den Glauben am stärksten wachsen lässt. 

Donnerstag, 2. November 2023

Ein Glaube wie ein Bergsee hl

Losung: Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Jesaja 50,4 

Lehrtext: Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Matthäus 25,39 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

ein gesunder Glaube ist wie ein klarer Bergsee: ich habe ständigen Zulauf von Gott. Unablässig sorgt er dafür, dass ich am Leben bleiben kann, dass mein Herz schlägt, dass meine Organe funktionieren, vor allem das Gehirn und so weiter. Unablässig sorgt er für mich durch andere Menschen, die etwas für mich tun, die hilfsbereit und freundlich sind, die mich besuchen oder einladen, die Kontakt mit mir halten. Aber dazu gehören auch die, von deren Arbeit ich lebe: die Verkäuferinnen, die Paketboten, die Ärzte und Ärztinnen, die Angestellten in den Behörden, Regierungsbeamte, LKW-Fahrer, die Arbeiter bei der Müllabfuhr und so weiter. Unablässig hält Gott seine schützende und segnende Hand über mir, gibt mir Kraft, schenkt mir Liebe und Glauben …

Doch ein Bergsee ist nur dann klar, wenn er auch einen Ablauf hat. Was also kann Gott durch mich für andere tun? Stehe ich zu seiner Verfügung? Nehme ich mir Zeit für meine Mitmenschen? Bin auch ich freundlich und hilfsbereit, nachsichtig und großzügig, friedfertig und aufrichtig, liebevoll und gerecht? Ist also mein Glaube gesund, ist er wie ein klarer Bergsee mit Zulauf und Ablauf? Nehme ich nicht nur, gebe ich auch? … 

Gebet: Herr, schenke mir einen gesunden Glauben, dass ich aufrichten kann, die niedergeschlagen sind, dass ich beleben kann, die müde sind, dass ich die Traurigen trösten kann, mit den Weinenden weinen und den Lachenden lachen. Dass ich ein dankbarer Mensch sein kann, weil alles, was ich bin und habe von dir kommt. Und dass ich bereit bin, selbst großzügig zu sein und zu schenken und zu geben. Amen

                                                                                                                             

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Mittwoch, 1. November 2023

Sag Nein! hl

Losung: Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht. Frage deinen Vater, der wird dir's verkünden, deine Ältesten, die werden dir's sagen. 5.Mose 32,7 

Lehrtext: Ich erinnere mich an den ungeheuchelten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir. 2.Timotheus 1,5 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

es ist nur noch furchtbar. Ausgerechnet der sozialdemokratische, deutsche Verteidigungsminister Pistorius bricht das bald 80 Jahre währende Tabu in unserem Land und sagt: »Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.« Die Gesellschaft scheint dafür bereits aufgestellt zu sein. Jedenfalls feiern ihn die Medien noch dafür: „Endlich traut sich jemand die unbequeme Wahrheit auszusprechen“ (Ines Trams, ZDF u.a.).

Frage deinen Vater und Großvater, wenn du ihn noch fragen kannst

Ich bin fassungslos. In den letzten fast 80 Jahren seit Ende des Zweiten Weltkriegs habe ich keinen verantwortlichen, demokratischen Politiker in Deutschland so reden hören. Und gerade heute heißt es in der Losung, sozusagen als Kommentar zu diesem Satz: »Gedenke der vorigen Zeiten und hab Acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht. Frage deinen Vater, der wird dir verkünden.«

Wir alle hätten immer wieder Anlass, der vorigen Zeiten zu gedenken, was das eigene Leben betrifft, was unseren Glauben betrifft und was die Geschichte unseres Landes betrifft. Immer wieder hat man in Deutschland nach den großen Katastrophen, nach dem 30-jährigen Krieg, nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zweiten Weltkrieg gehofft, dass wenigstens wir Deutsche aus unserem selbstverschuldeten Unglück lernen könnten. Dass wir endlich begreifen würden, dass auf Gewalt kein Segen liegt. Dass es nichts gibt, gar nichts, was es rechtfertigen könnte, dass Kinder erschossen, verbrannt, zerfetzt und auf alle erdenkliche Weise ermordet werden. "Nie wieder!" hat es nach dem letzten Krieg geheißen.

Wer der vergangenen Zeiten gedenkt, der kann meines Erachtens nur mit allem Nachdruck sagen: „Unser Land muss friedensfähig werden“, muss nach allen Seiten gesprächsfähig bleiben, für Ausgleich sorgen, kompromissfähig sein, muss sich bei Waffenlieferungen zurückhalten, muss für die anderen Länder endlich mal ein positives Beispiel sein.

Zerrissene Welt …

Was für ein mörderischer Geist ist nur zur Zeit wieder in viele Menschen auf diesem kleinen Erdball gefahren! Die Generation, die den letzten großen Krieg erlebt hat, ist tot. Und kaum dass sie unter der Erde ist, wächst offenbar eine neue Generation heran, die zur Erinnerung unfähig zu sein scheint und schon mal verbal das Feuer zur Lunte bringt. Als ob wir nicht so schon genug schwerwiegende und zukunftsgefährdende Probleme hätten. Wo kommt er nur her dieser unselige Geist, der die Welt von neuem zerreißt in scheinbar Gerechte und Ungerechte, Gute und Böse? Und die Kirchen? Ein Bild des Jammers!

… katastrophale Sätze

Es war schon immer so und ist es auch jetzt, dass der Katastrophe katastrophale Worte und Sätze vorausgehen, Sätze, die vergiften, verdrehen, aufstacheln, vernebeln und der Gewalt Tür und Tor öffnen.

Darum bitte ich, Hans Löhr, dich inständig: Sag Nein! 

Gebet: Mein Gott, warum nur lernen wir nicht aus unseren tödlichen Fehlern? Warum sind wir so vergessen, wenn es darum geht, die grässlichen Irrtümer nicht wieder und wieder zu begehen? Warum stürzen wir uns nach einer Zeit der Besinnung und des Friedens immer wieder von neuem ins Unglück? Herr, ich klage dir unsere Unfähigkeit, miteinander auszukommen, aufeinander zu zugehen, die Hand zur Versöhnung zu reichen und endlich, endlich einmal Frieden zu halten. Nicht den Friedhofsfrieden, sondern den Frieden, den du schenkst, zu dem du uns immer und immer wieder rufst, den die Engel an Weihnachten verkünden und der uns in Jesus leibhaftig begegnet. Amen

                                                                                                                             

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

Sag Nein! (Wolfgang Borchert 1947)

Dann gibt es nur eins!
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen - sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren - sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!

Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo - Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins: Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!

Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann: In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben
– die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen
– eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam
– der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken
– in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln
– in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen
– das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln - zerbröckeln - zerbröckeln –

dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend - und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch - all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute Nacht schon, vielleicht heute Nacht, wenn - - wenn - - wenn ihr nicht NEIN sagt.
(Wolfgang Borchert 1947)

»Wir müssen kriegstüchtig werden«? Nein! Nein! Nein!

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Dienstag, 31. Oktober 2023

Was für ein Vater! Was für ein Gott! hl

Losung: Wir wurden alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Jesaja 64,5 

Lehrtext: Der Sohn sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an. Lukas 15,21-22 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

sieh mal einer an, gestern zitiere ich noch Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn und heute erscheint es im Lehrtext. Nun gut, ist ja auch eine der wichtigsten Erzählungen in der Bibel. Kein Wunder, wenn die Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine es immer wieder als Kommentar für die Losung auswählen.

Bittere Reue

Also, der „verlorene“ Sohn, der sich sein Erbe hat auszahlen lassen und es innerhalb kurzer Zeit mit Saufgelagen und Frauen durchgebracht hat, kehrt reumütig nach Hause zurück. Er hofft, wenigstens als Hilfsarbeiter auf seines Vaters Hof den Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Selbstdemütigung wird ihm sehr schwer gefallen sein. Doch er ist realistisch genug, um zu wissen, dass er bei seinem Vater verspielt hat. So einen wie ihn, würde dieser nicht wieder als Sohn akzeptieren. Und weil es ihm ernst ist, bekennt er sich vor seinem Vater zu seiner Schuld.

Und der Vater? Er sagt: „Schon recht, dass du deine Schuld einsiehst. Was glaubst du wohl, wie es mir ergangen ist, als du dich mit dem Geld aus dem Staub gemacht hast? Die Nachbarn haben über mich gelästert. Die Arbeiter und Arbeiterinnen haben hinter meinem Rücken getuschelt. Und ich selbst war und bin von dir schwer enttäuscht. Und nun wagst du es, wieder heimzukommen. Was soll ich mit dir machen? Wieder fortjagen?“

Die Strafpredigt ist ausgeblieben

Nein, liebe Leserin, lieber Leser, genau das sagt der Vater nicht. Sondern in der Geschichte, die Jesus erzählt, geht er überhaupt nicht auf das ein, was war. Er verzichtet auf jeden Vorwurf, erst recht auf jede Demütigung. Er hört gar nicht hin auf das, was der Sohn sagt. Er hält keine Strafpredigt, sondern sagt stattdessen zu einem Angestellten: ‚Hol den besten Anzug aus meinem Schrank und zieh in ihm an, aber schnell! Mein Sohn ist wieder da, mein Sohn! Das muss gefeiert werden!‘ (Lehrtext)

Wenn ich früher oder später vor meinem Schöpfer und Vater stehe, kann ich noch so viel an meiner Weste herumbürsten, sie wird einfach nicht mehr weiß (Losung). Aber dessen bin ich mir sicher, Gott wird sich nicht für meine Weste interessieren, nicht für mein Versagen und meine Schuld, sondern für mich. Und er wird mich einkleiden in das weiße Gewand seines Sohnes und sich freuen, dass er mich wieder hat. Und Jesus wird den Arm um mich legen und sagen: „Schön, dass du wieder da bist, Bruder, willkommen daheim!“ 

Gebet: Herr, ich weiß nicht, was mit mir einmal wird und wie alles kommt. Aber darauf vertraue ich, dass deine Arme ausgebreitet sind, wenn ich mich zu dir wende. Und dass nichts, was mich jetzt belastet und bedrückt, noch eine Rolle spielt. Denn bei dir bin ich geborgen und daheim für immer. Amen

                                                                                                                             

Herzliche Grüße und einen fröhlichen Reformationstag!

Ihr / dein Hans Löhr

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Montag, 30. Oktober 2023

Israel und Gaza: biblische Lösungswege hl

Losung: Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit für immer. Jesaja 32,17 

Lehrtext: Wenn ihr wisst, dass Jesus Christus gerecht ist, so erkennt ihr: Wer die Gerechtigkeit tut, der ist von ihm geboren. 1.Johannes 2,29 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

Gerechtigkeit - ein schwieriger Begriff. Jeder hat davon wohl so seine eigenen Vorstellungen. Was ich als gerecht empfinde, musst du noch lange nicht so sehen. Und wie will man auch einem anderen gerecht werden? Dazu müsste man ihn durch und durch kennen und verstehen. Das kann nur Gott, der dein Herz und deine Seele geschaffen hat.

Maßstab: Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn

Wenn ich einem anderen gerecht werden will, sollte ich ihn mit den Augen Jesu ansehen und danach beurteilen. Sollte ich „von ihm geboren“ sein (Lehrtext), also aus seinem Geist leben. Anders gesagt, dann sollte ich gütig und barmherzig sein, gnädig und großzügig. Dann sollte ich sein wie der Vater in Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32). Dann sollte ich mich daran orientieren, wie Gott ist.

Ich kann aber auch wie der ältere Bruder in jenem Gleichnis sein, der den seelenlosen Gerechtigkeitssinn einer Küchenwaage hat und darauf erpicht ist, dass Geld und Ware im richtigen Verhältnis stehen, dass die Tüchtigen und Guten belohnt werden und die Versager mit Konsequenzen rechnen müssen.

Israel und Gaza

„Das Werk der Gerechtigkeit wird Frieden sein und der Ertrag, Ruhe und Sicherheit“, sagt die Losung. Das ist wie ein Kommentar, mehr noch, wie ein Lösungsvorschlag für das schreckliche Gemetzel in Israel und in Gaza. Ohne dass die israelische Regierung den Palästinensern gerecht wird, ihnen ihr Land freigibt und einen eigenen Staat zugesteht, wird es für Israel wohl keine Ruhe und Sicherheit geben. Und solange die Radikalen unter den Palästinensern versuchen, ihre Probleme mit Gewalt und Terror zu lösen, wird es keinen Frieden geben. Auch sie müssen den Sicherheitsinteressen der Israelis gerecht werden. Gegenseitige Gebietsansprüche aus der Vergangenheit aber und Landraub („Siedlungen“) sind nur noch mehr Öl ins Kriegsfeuer.

Sich entfeinden

Gerechtigkeit im biblischen Sinn heißt, darauf verzichten, den anderen zu verdammen und sich selbst als den unschuldigen Guten zu präsentieren. Gerechtigkeit heißt, leben und leben lassen, heißt, dem anderen darin zuvorkommen und ihm zugestehen, was er auch mir tun soll (Goldene Regel: Lukas 6,31; Matthäus 7,12). Und dazu gehört ebenso, dass ich verbal abrüste und mich zivilisiert verhalte. Dass ich nachgebe und vergebe. Dass ich mich selbst entfeinde und „vertrauensbildende Maßnahmen“ schaffe.

Ist das naiv? Ja. Aber lieber bin ich ein naiver Pazifist als ein raffinierter Kriegstreiber, der nur die Sprache von Gewalt und Vergeltung kennt. 

Gebet: Herr, ich klage dir die Opfer terroristischer und militärischer Gewalt. Ich weiß keine andere Hoffnung und Lösung, als dass wir im Feind den Bruder entdecken und uns selbst mit seinen Augen sehen. Für dich ist er dein Kind wie ich. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren. Doch mit deiner Hilfe will ich es versuchen. Amen

                                                                                                                             

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Sonntag, 29. Oktober 2023

Keine Angst vor der Angst hl

Losung: Der HERR spricht: Wen hast du gescheut und gefürchtet, dass du treulos wurdest und nicht an mich dachtest? Jesaja 57,11 

Lehrtext: Ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Römer 8,15 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

warum verhalten wir Menschen uns so, wie wir es tun? Dieser Frage gehen seit Jahrzehnten zahllose Gelehrte überall auf der Welt nach. Und viele, vermutlich die meisten von ihnen kommen zu dem Schluss, dass eine der stärksten Triebfedern für unser Verhalten die Angst ist. Die Angst vor Tod, Krankheit, Verlust. Vor Armut, Hunger, Verfolgung, Krieg. Die Angst vor Einsamkeit, Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit. Die Angst vor dem Unbekannten, dem Fremden ...

Wovor hast du Angst?

Damit die Angst die Seele nicht auffrisst, helfen sich Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten mit Religion, Esoterik, Aberglauben und anderen, nichtrationalen Erscheinungen. Sie hoffen, auf diese Weise ihre Angst bannen zu können.
Die Ängstlichen, Machtlosen und Schwachen sehnen sich nach einer festen Hand, nach Schutz und einem starken Mann. Sie sind gern Knechte
(Lehrtext), sind gern unfrei, wenn nur einer da ist, der führt: „Heil, mein Führer! Befiehl, wir folgen“ (Losung). Selbst die Lemminge sind klüger. Was ihnen die Menschen fälschlicherweise nachsagen, tun sie selbst und stürzen sich gemeinsam in den Abgrund.

Wie gehst du mit deiner Angst um?

Hitlers „Zwilling“, der Massenmörder Stalin, hatte Angst vor seinen eigenen Leuten. Ohne seinen Befehl durfte niemand seine Zimmer betreten. Doch er rechnete nicht mit dem Schlaganfall. Niemand traute sich zu ihm, als er am Morgen nicht erschien. Am übernächsten Tag wagten es seine „Vertrauten“ doch. Da war es zu spät. Er war nicht mehr zu retten.
Wer Angst vor anderen hat, braucht Mauern und Waffen. Wer Angst vor der Dunkelheit hat, braucht Licht. Wer keine Angst hat, ist entweder ein Lügner oder krank.

Wer Angst vor dem Leben hat, braucht Liebe.

»In der Welt habt ihr Angst«, sagt Jesus, »aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden« (Johannes 16,33). Wer ihm anhängt, muss nicht an der Leine von Befehl und Gehorsam geführt werden. Der bekommt seinen Geist, nicht den Geist des Helden, sondern den „Geist der Kindschaft“ (Lehrtext), den Geist, mit dem er Gott als seinen Vater erkennt. Vor ihm muss er sich nicht fürchten, sondern kann vertrauensvoll zu ihm sagen: „Abba, lieber Vater“, auf Deutsch: „Papa“. 

Gebet: Mein Gott, es fällt mir schwer, dich Papa zu nennen, da ich das nicht gewohnt bin. Aber so bist du zu mir: ein lieber Vater, den ich nicht fürchten muss, sondern wiederlieben kann. Der mich tröstet und mir die Furcht nimmt. Der mir immer wieder neuen Lebensmut macht und die Kraft gibt, mich dem zu stellen, was Angst macht. Du bist ja mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Du bist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen? (Psalm 27,1) Dir will ich vertrauen. Amen                                  

Herzliche Grüße und einen gesegneten Sonntag!

Ihr / dein Hans Löhr

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Samstag, 28. Oktober 2023

Größer als dein Herz hl

Losung: 17 Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück. Jesaja 38,17 

Lehrtext: Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. 1.Johannes 3,19-20 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

hast du ein gutes Verhältnis zu deinem Gott? Kannst du jederzeit ohne Angst oder schlechtes Gewissen zu ihm kommen, gerade auch dann, wenn du dich ihm oder deinen Mitmenschen gegenüber falsch verhalten hast? Jedenfalls hat er ein gutes Verhältnis zu dir, der für dich da sein und dir helfen will, gerade dann, wenn du versagt hast.

Auf Gott kommt es an

In der Losung heißt es: »Er nimmt sich deiner Seele herzlich an, dass sie, dass du nicht verdürbest; denn er wirft alle deine Sünden hinter dich zurück.« Das lasse ich mir gerne gesagt sein und gebe es an dich weiter. Für mich ist das ein tröstliches Wort. Darin kommt es nicht auf mich an und was ich schon wieder alles richtig machen muss, sondern auf meinen Gott.

Er ist es, der handelt und heilt. Der mir das Alte vergibt und mich wieder mit Zukunft segnet. Ich bin es, der empfängt. Er ist mein Arzt und deiner. Er hat den Eid geschworen, zu helfen und zu heilen und nicht zu strafen. Dieser Eid hat einen Namen: Jesus. Auf Deutsch: „Gott hilft!“

Das Vertrauensverhältnis

Du und ich, wir beide können ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu ihm haben. Das ist die gute Nachricht. Eine böse, die uns Angst, Druck oder ein schlechtes Gewissen macht, gibt es von Gott nicht. Solche Nachrichten kommen nur von uns Menschen.
Aber kannst du das auch glauben?
Kannst du, wie der Lehrtext sagt, »vor ihm dein Herz überzeugen, dass 
wenn es dich verdammt, Gott größer ist als dein Herz?« (Lehrtext). 
Denn wenn dich jemand ganz und gar kennt, besser als du dich selbst,
wenn jemand genau weiß, wer und wie du bist,
wenn jemand dich nicht nur kennt, sondern auch versteht und dich gerade auch wegen deiner problematischen Seiten liebt –
dann er, dein Gott und Schöpfer, dein barmherziger Vater, der in Jesus auch die Versager liebt, ja sogar seine Feinde, und der tröstet durch den Heiligen Geist.

Hast du ein gutes Verhältnis zu dem, der größer ist als dein Herz? 

Gebet: Herr, was für eine Nachricht, dass du größer bist als mein Herz, dass du mir näher bist und mich besser kennst als ich mich selbst. Ist das wirklich so? Erkennst du alle Dinge (Lehrtext) und weißt du, wohin sie führen und wozu sie dienen? Ach wenn ich nur davon jederzeit überzeugt wäre! Ich könnte gerade jetzt inmitten aller Probleme, Kriege und Zukunftsfragen getröstet und geborgen sein. Also bitte ich dich, überzeuge du mein Herz (Lehrtext). Amen               

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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1728 erschien in Herrnhut die erste Tageslosung, ein Bibelwort aus dem Alten Testament, das für jeden Tag des Jahres ausgelost wird. Dazu wird der Lehrtext, ein passendes Bibelwort aus dem Neuen Testament, ausgesucht. Inzwischen erscheinen die täglichen „Losungen“ in etwa 50 Sprachen.
Ich lege Losung und Lehrtext aus, weil einer Untersuchung zufolge das Nachdenken über Bibelworte den Glauben am stärksten wachsen lässt. 

Freitag, 27. Oktober 2023

Kraft hl

Losung: Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Psalm 27,1 

Lehrtext: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Philipper 4,13 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

als junger Mensch konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich mal zu vielem, was für mich selbstverständlich war, später keine Kraft mehr haben würde. Die Kraftreserven schienen unerschöpflich. Wenn ich dennoch mal ausgepowert war, hat es nicht lange gedauert, und ich hatte wieder genug Energie. Das ist jetzt anders. Und nun gewinnt auch für mich der Satz aus der heutigen Losung zunehmend an Bedeutung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich nicht nach Belieben Kraft aus mir selbst schöpfen kann. Ich habe gelernt, dass meine Kräfte endlich sind und ich mit ihnen haushalten sollte. Ich habe gelernt, Gott immer öfter um Kraft für mein Leben zu bitten. Und ich habe gelernt, dass Kraft und Energie nicht irgendeine neutrale Größe sind, sondern dass Gott selbst meines Lebens Kraft ist (Losung).

Mit Anstand und Stil, Haltung und Würde

Dass meine Kräfte schwinden, hat nichts damit zu tun, dass Gott sich von mir zurückzöge. Es ist schlicht und einfach dem Altwerden geschuldet. Jedes lebendige Wesen überschreitet irgendwann den Zenit seiner Vitalität und Energie. Beim Menschen soll das schon mit Anfang Zwanzig der Fall sein. Und dann geht es, ob man will oder nicht, abwärts. Erst kaum merklich, aber dann doch immer deutlicher und schneller. Viele kämpfen mit allerlei Sport dagegen an. Oft ist man damit durchaus in einem gewissen Maß erfolgreich. Doch auch der sportlichste Mensch wird irgendwann schwach. Das ist bei anderen Lebewesen nicht anders. Das ist, wenn man so will, Gesetz. Und so gibt es keinen Anlass, darüber zu jammern, sondern mit Anstand und Stil, Haltung und Würde die Schwächen und Beschwerden des Alters hinzunehmen. Das ist leichter gesagt als getan. Ich weiß.

Es gibt nichts, gar nichts

Gott ist meines Lebens Kraft, des materiellen, körperlichen Lebens wie des geistigen, seelischen Lebens. Wer sonst sollte die Quelle aller Kräfte im Universum und auch hier auf der Erde bei den lebendigen Wesen sein als er? Seine Kraft, seine Energie „vibriert“ in allem ohne Ausnahme. Und so kam es zu der denkwürdigen Entdeckung der Physiker, dass es eigentlich nichts gibt. Jedenfalls nichts Festes, nichts Massives, gar nichts außer den Elementarteilchen in den Atomen, die wiederum nur bestimmte Energiezustände in einem energetischen Feld sind (z.B. Higgs-Feld). Auf der untersten Ebene besteht die Welt, besteht das Universum, bestehen wir Menschen aus nichts (Josef Gaßner u.a.). Hm, das muss man erst mal verdauen. Begreifen lässt sich das nicht. Jedenfalls nicht für mich. Aber ich sehe keinen Grund, warum ich das bezweifeln sollte.

Und doch bin ich und doch bist du. Und doch sind die Berge und das Meer, die Sonne und die Sterne. Aber alles, gerade auch die Materie, ist letztenendes nur Kraft, ist Energie. Der Geist auch? Darüber muss ich erst noch einmal nachdenken.

Die Bibel sagt jedenfalls mit der heutigen Losung: „Gott ist meines Lebens Kraft“. Und das heißt für mich, dass er in mir wirkt wie auch in allem anderen, das ist, das es gibt, das er geschaffen hat.

Schöpfer und Herr

Doch er geht darin nicht auf. Er bleibt der Schöpfer. Und seine Schöpfung bleibt sein Werk, worüber er Herr ist. So nah er mir auch kommt, so sehr seine Energie auch in mir wirkt – und in dir auch –, so sehr bleibt er doch mein Gegenüber. Als solches spricht er mich an, als solches spricht er mir seine bedingungslose Liebe zu, als solches nimmt er in Jesus Gestalt an, wird menschlich, nahbar und vertrauenswürdig. Das bleibt, was auch immer sonst mit mir geschehen mag. Das bleibt auch dann noch, wenn es mich in meiner gegenwärtigen Erscheinung nicht mehr geben wird; wenn ich wieder Teil des großen Ganzen geworden bin, aus dem ich kam, in dem ich bin, in dem ich bleiben werde. 

Gebet: Herr, du bist und bleibst das Geheimnis der Welt und auch meines Lebens. Das wird mir von Tag zu Tag aufs Neue klar. Du bist nicht ein Etwas neben anderen. Du bist das Ganze und mehr als das. Ich lebe und wirke in deiner großen Welt im Rahmen meiner kleinen Kräfte. Es ist dein Wille, der auch durch mich und alles andere geschieht (Lehrtext). Das sollte mich ruhig, demütig und zuversichtlich machen.
Auch wenn ich jetzt nicht verstehe, auch wenn ich leiden muss. Auch wenn ich so vieles, was um mich lebt, oft noch mehr leiden sehe: Es ist und bleibt meine Aufgabe mit Worten und Taten zu lindern und zu helfen und doch auch hinzunehmen, zu tragen und schließlich anzunehmen, was ist.
Herr, ich lobe und preise dich durch Jesus Christus. In ihm zeigst du mir, wie und wer du bist. In ihm fasse ich Vertrauen zu dir und erwidere deine Liebe. Amen

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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1728 erschien in Herrnhut die erste Tageslosung, ein Bibelwort aus dem Alten Testament, das für jeden Tag des Jahres ausgelost wird. Dazu wird der Lehrtext, ein passendes Bibelwort aus dem Neuen Testament, ausgesucht. Inzwischen erscheinen die täglichen „Losungen“ in etwa 50 Sprachen.
Ich lege Losung und Lehrtext aus, weil einer Untersuchung zufolge das Nachdenken über Bibelworte den Glauben am stärksten wachsen lässt.