Donnerstag, 21. Oktober 2021

Menschengeschwister hl

Losung: Rut sprach: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Rut 1,16 

Lehrtext: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Galater 3,28

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

was für ein revolutionäres Wort vom Apostel Paulus im heutigen Lehrtext, das die menschlichen Verhältnisse vom Kopf auf die Füße stellt! Was für eine Herausforderung damals wie heute, für die Menschen vor 2000 Jahren wie auch in unserer Zeit!


Gefangen in Vorurteilen und Ängsten


     Wir, die wir so gerne Unterschiede machen und uns abgrenzen. Die wir unsere privaten und politischen Feindbilder haben und meinen, vor denen, die nicht so sind wie wir wollen, auf der Hut sein zu müssen. Die wir uns rüsten mit sündhaft teuren Vernichtungswaffen. Die wir darum in unseren Vorurteilen und Ängsten gefangen bleiben. - Wir werden von diesem Bibelwort herausgefordert, über unseren Schatten zu springen und uns trotz aller Verschiedenheit als die eine Familie Gottes auf der Erde zu begreifen.

     Wenigstens in unseren Christengemeinden sollten wir jede Form von Diskriminierung und Abgrenzung sein lassen und das, was wir da leben, in die Welt hinaustragen. 


Fremdwörter für Christinnen und Christen


     Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, soziale Ungerechtigkeit, Benachteiligung von Frauen, Rassismus, religiöse Überheblichkeit, Tierquälerei in den Ställen – das alles sollen und müssen für uns Christen Fremdwörter sein. Und so sehe ich unseren Auftrag auch darin, dass wir der Welt unaufdringlich vorleben, wie es sein soll und wie es möglich ist.

     In Jesus Christus und vor Gott gelten die Unterschiede nicht, die uns oft so wichtig sind, damit wir uns als etwas Besseres fühlen können. Er hat alle seine Geschöpfe bei allen Unterschieden mit gleicher Würde und gleichem Lebensrecht geschaffen, dazu bestimmt, dass wir ihm mit unserer gemeinsamen Freude am Leben danken.

 

Gebet: Herr, meine Würde habe ich mir nicht verdient. Du schenkst sie mir und allen meinen Menschengeschwistern. Und selbst die Tiere haben ihre Würde von dir. Das verbietet mir jede Überheblichkeit gegen alle, die nicht so sind wie ich. Das stärkt aber auch mein Selbstwertgefühl, weil vor dir kein Geschöpf über mir steht. So kann ich meinen Mitmenschen offenherzig und vertrauensvoll begegnen und mich beschenken lassen durch ihre Verschiedenheit. Amen 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Black heart - schwarzes Herz hl

Losung: Der HERR sprach: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. 1.Mose 8,21 

Lehrtext: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und erzieht uns, dass wir absagen dem gottlosen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben. Titus 2,11-12

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Gottes Gnade erzieht uns, heißt es im Lehrtext, und nicht sein Gesetz oder sein Zorn oder gar seine Strafen. Seine Gnade hat einen Namen: Jesus Christus.

     Vielleicht wäre ich ohne ihn auch gottlos, weil mich irgendein angeblich höheres Wesen nicht interessiert. Wenn ich bedenke, was Menschen in ihrer Geschichte schon alles „Gott“ genannt haben, zumeist nur eine überhöhte Vorstellung von sich selbst, kann ich darauf verzichten.


Kein Oberlehrer und kein Spieß


     Doch in Jesus zeigt sich Gott so ganz anders als man sonst von ihm spricht. Da begegnet er mir nicht als Oberlehrer oder Spieß, der mich herumkommandiert und mir alles Mögliche austreiben und Anderes eintrichtern will.

     In ihm kommt er zu mir als mein barmherziger Vater, der mein Herz gewinnt und auf den ich vertrauen kann. So heilt er mich von zerstörerischer Gier. So bewegt er mich dazu, besonnen zu sein und nicht meinen negativen Gefühle nachzugeben. So hilft er mir, meinen Mitmenschen gerecht zu werden. Von seiner „heilsamen Gnade“ lasse ich mich gerne erziehen, die damals in Bethlehem allen Menschen erschienen ist (Lehrtext).


Das problematische Menschenherz


     Und wie steht es mit dem Satz aus der Losung, dass »das Dichten und Trachten meines Herzens böse ist von Jugend auf«? Ja, da muss ich zustimmen. Wie das bei dir ist, weiß ich nicht. Ich jedenfalls kenne meine widersprüchlichen Gefühle, meine Abneigungen und versteckten Aggressionen, meine Ungeduld mit anderen und dass ich mir manchmal selbst nicht gut bin: "I look inside myself and see my heart is black"*, wie die Rolling Stones singen. Das ist das eine. Aber ich bin nicht nur so. Ich habe auch positive Eigenschaften, kann unbeschwert und froh sein nicht zuletzt deshalb, weil mich Gottes Gnade heilt und erzieht.

 

Gebet: Herr, du sollst mein Kompass sein in meinem Leben. Nach dir will ich fragen, nach dir mich richten. Danke für dein Wort und alle Hilfe an jedem Tag. Amen 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

*Zeile aus dem Song "Paint it black"

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Dienstag, 19. Oktober 2021

Gott brennt darauf hl

Losung: Der HERR harrt darauf, dass er euch gnädig sei. Jesaja 30,18

 Lehrtext: Als der Sohn noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Lukas 15,20

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Gott brennt darauf, dich beschenken zu können, sagt Jesaja (Losung). Und weil er es nicht aushält, beschenkt er dich täglich, ohne dass du ihn darum bittest. Tag für Tag segnet er dich mit dem täglichen Brot, mit allem, was dir hilft zu leben. Tag für Tag segnet er dich mit der Freundlichkeit von Menschen, denen du begegnest. Am Tag und in der Nacht lässt er dein Herz schlagen, ohne dass du daran denkst. Von dem Augenblick an, da er dich geschaffen hat, beschenkt er dich damit, dass er für dich da ist.


Sorgen und Kummer, weil du liebst


     Und manchmal ist sein Geschenk wie ein Kind, das dir nicht nur Freude macht, sondern auch Kummer. Denn auch dein Kummer und deine Sorgen sind Zeichen dafür, dass du es liebst.

     So ist es auch in der Geschichte Jesu vom "Verlorenen Sohn" (Lehrtext). Da hält es der barmherzige Vater nicht mehr aus. Er brennt darauf, sein Kind endlich wieder in seine Arme zu schließen, rennt ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst den schmerzlich vermissten Sohn.

     "So", sagt Jesus, "so ist es mit Gott und dir. Lass ihn nicht warten. Komm zu ihm zurück."

 

Gebet: Herr, so oft sind meine Gedanken und Gefühle bei dem, was mich im Alltag beschäftigt. Und das soll ja auch so sein. Ich kann auch gar nicht immerzu an dich denken. Aber ab und zu am Tag tut es mir gut, mich darauf zu besinnen, dass du mich mit allem beschenkst, was ich bin und habe. So werde ich dankbar auch wenn ich mir gerade Sorgen mache. So wird es mir wieder leichter, auch wenn ich gerade Kummer habe. Danke, dass du für mich da bist. Auch jetzt. Amen 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Montag, 18. Oktober 2021

Gebet in Not hl

Losung: Gott spricht: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen. Psalm 50,15 

Lehrtext: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5,7

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

Herr, ich rufe zu dir in meiner Not. Du weißt, wie es mir geht. Und doch will ich es dir sagen, weil du es so willst. 

Weil du mein Gott bist, darum wirst du mich retten. 

Weil du mich liebst, darum leidest du mit mir, wenn ich leide. 

Weil du mein Vater bist, darum kannst du mich nicht im Stich lassen.

Aber ich werde dich noch preisen, weil du dafür sorgen wirst, dass meine Not ein Ende hat. Darum sorge ich mich jetzt nicht, sondern gebe alle meine Sorge an dich ab und warte geduldig und zuversichtlich auf deine Hilfe. Amen 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Sonntag, 17. Oktober 2021

Worauf alles ankommt hl

Losung: Als der Knecht Gottes gefoltert wurde, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Jesaja 53,7

 

Lehrtext: Christus schmähte nicht, wenn er geschmäht wurde, er drohte nicht, wenn er leiden musste, sondern stellte es dem anheim, der gerecht richtet. 1.Petrus 2,23

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

das heutige Losungswort aus dem Alten Testament haben bereits die ersten Christen auf Jesus gedeutet (z.B. Lehrtext). Sie wollten damit sagen: 'Schon die alten Propheten haben Christus und sein Leiden vorhergesagt. Somit kann sein Kreuzestod keine Niederlage sein, sondern göttliche Bestimmung.'

     Nun sind die Propheten der Bibel keine Wahrsager. Sie sagen nicht die Zukunft voraus weder mit Glaskugeln noch mit Horoskopen noch sonst wie. Sie machten zu ihrer Zeit die Menschen darauf aufmerksam, dass es schlimme Folgen haben werde, wenn sie Gottes Wort missachten und sich nur nach ihren kurzfristigen, egoistischen Interessen richten

    

Der geheimnisvolle Gottesknecht


Ja, die alten, prophetischen Schriften halfen den frühen Christen, das Leiden und Sterben Jesu besser zu verstehen und in ihren Glauben einzuordnen. Noch heutzutage wird das in unserer Kirche zB am Karfreitag so gemacht. Doch wer redlich sein will, darf den Juden ihren Gottesknecht (Losung) nicht nehmen und aus ihm Jesus machen. Wenn er aber nicht eine Weissagung auf Jesus ist, wer ist er dann? Die meisten Wissenschaftler meinen, mit ihm sei das Volk Israel gemein. Eine eindeutige Antwort aber, wer er war, kann niemand geben. Doch es ist möglich, dass sich der Jude Jesus in dem Gottesknecht teilweise selbst gesehen hat und somit auch seine Jünger.


Vielleicht war es anders


     Wenn ich heute die Bibel lese, komme ich ebenfalls zu bestimmten Erkenntnissen, die ich mit dir teilen möchte. Bisher dachte ich immer, Jesaja sagt: Jener geheimnisvolle Gottesknecht, hat nicht gejammert, nicht geklagt, nicht geschrien, sondern ergeben und stumm wie ein Lamm gelitten. Auch der Lehrtext weist in diese Richtung. 

     Aber vielleicht war es anders. Vielleicht war es ähnlich wie bei den Vielen, die bis heute gefoltert werden und die trotzdem nichts sagen, um ihre Kameraden und ihren Auftrag nicht zu verraten.

     Auch Jesus hat seine Freundinnen und Freunde unter der Folter der römischen Kriegsknechte nicht verraten. Aber was noch wichtiger ist, er hat seine Sendung nicht verraten. Anders gesagt: Er hat seine Peiniger nicht geschmäht und nicht bedroht, nicht verflucht und nicht verdammt (Lehrtext), weil er die Liebe Gottes nicht verraten wollte, die Liebe auch und gerade zu seinen Feinden.


Wer ist noch verdammt?


     Sie allein ist es, die alles Hässliche, alles Gemeine, alles Böse überwindet, ja sogar den Tod. Durch sie ist mir, durch sie ist dir, durch sie ist allen vergeben. Denn wenn Gott in Christus sogar seine Feinde liebt, wen sollte er dann noch verdammen?

 

Gebet: Herr, nicht dein Leiden, nicht dein Blut, nicht dein Tod hat mich erlöst, sondern Gottes Liebe in dir. Ihr bist du treu geblieben bis zuletzt im Leiden und im Sterben. So hast du mich von dem Bösen erlöst und aus dem Tod. Und so wirst du einst alle Geschöpfe erlösen, und alles, was jetzt noch Angst macht, wird gut. Amen 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Samstag, 16. Oktober 2021

Der barmherzige Richter hl

Losung: Wir warten auf dich, HERR, auch auf dem Weg deiner Gerichte. Jesaja 26,8 

Lehrtext: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. 2.Korinther 5,10

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

mit dem Gericht ist das so eine Sache. Recht haben und Recht bekommen, ist zweierlei. Und weil viele Richter in unserem Land wissen, dass das mit der Gerechtigkeit so einfach nicht ist, versuchen sie die streitenden Parteien zu einem Vergleich zu bewegen, zu einer Art Kompromiss. Oft sind danach beide nicht zufrieden, aber immerhin wird so ein langwieriger und teurer Prozess vermieden.

     Mit dem Gericht Gottes ist es auch so eine Sache. Es gibt Christen, die halten unter allen Umständen daran fest, dass es am Ende der Zeit ein letztes, „jüngstes“ Gericht über die Lebenden und die Toten geben muss. Insgeheim glauben sie natürlich, dass sie selbst gut davonkommen werden, weil sie doch den rechten Glauben hatten und auch sonst sittsam und brav gelebt haben.


Wonach soll Gott richten?


     Dass sie sich da mal nicht täuschen! Denn wie Gott richtet, unterscheidet sich grundsätzlich von dem, wie wir Menschen richten. Wonach soll er sich auch richten, wenn er richtet? Nach der jeweiligen Religion? Nach dem jeweiligen Bekenntnis? Nach der Anzahl der Gebete, Gottesdienstbesuche, gelesenen Bibelseiten, Spenden und sonstigen guten Taten? Wie viel ist dann genug und wie viel nicht? Und warum hat der eine Mensch so gelebt und geglaubt und der andere anders? Sind wir nicht alle verschieden, haben wir nicht alle unterschiedliche Gene mit auf die Welt gebracht und sind in unterschiedlichen Umständen aufgewachsen und geprägt worden? Wie soll man da Schuld und Unschuld bemessen? Kannst du mir das sagen?

     Manche Theologen sagen, Gott habe sich stellvertretend für uns in Christus am Kreuz selbst gerichtet. Das ist mir zu verkopft und zu kompliziert. Ich sehe das anders. Ja, vielleicht gibt es wirklich mal am Ende der Zeit ein letztes Gericht über alle. Und dann wird jeder von uns vor seinem Richter stehen. Doch Gott wird nichts sagen, sondern ihn nur lange mit den Augen Jesu anblicken, mit den Augen der Barmherzigkeit.

     Und ich – ich spreche jetzt mal nur von mir – ich werde meine Augen vor ihm niederschlagen und mich schämen, einfach nur schämen. Aber nicht, weil mich Gott beschämt, sondern weil ich erkenne, dass ich seiner Liebe nicht würdig war, weil ich sie nicht wirklich erwidert und mit anderen geteilt habe.


Genug geschämt


     Und ich werde nicht auf die anderen schauen, die neben mir stehen, auch nicht auf dich. Denn in diesem Augenblick geht es nur um mich und nicht darum, dass ich mich schon wieder vergleiche.

     Und dann wird er zu mir sagen: „Hans, es ist gut. Genug geschämt. Und nun geh in den Festsaal zu den Muslimen und Atheisten, zu den Esoterikerinnen, Charismatikern und Evangelikalen, zu den Zeugen Jehovas, den Buddhisten, Juden, Hindus, zu den Katholiken und allen anderen, damit wir gemeinsam feiern.“

 

Gebet: Herr, wärst du nicht barmherzig, kein Mensch könnte vor dir bestehen. Ja, es wird mir peinlich sein, wenn ich einst vor dir stehe und mein Versagen offenbar wird. Doch ich muss keine Angst vor dir haben, weil du mir vergibst. Zum Dank möchte ich jetzt schon so leben, dass ich dir Ehre mache. Amen 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr

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Freitag, 15. Oktober 2021

Schluss mit Druck hl

Losung: Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken. 3.Mose 19,13 

Lehrtext: Jesus spricht: Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! Lukas 6,31

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ich bin allergisch, wenn jemand auf mich offen oder verdeckt Druck ausübt, damit ich tue, was er will. Doch ich bin in der glücklichen Situation, dass ich mir das nicht gefallen lassen muss.

     Auf so gut wie alle meine Vorfahren wurde in den vergangenen Jahrhunderten Druck ausgeübt von denen, die die Macht dazu hatten. Die meisten waren kleine Bauern, die neben ihrer harten Arbeit auf dem Feld für ihre Zwingherren Burgen, Schlösser und Kathedralen bauen und dazu noch den zehnten Teil ihrer kargen Ernte an sie abführen mussten, manchmal noch mehr. Auch in Hungerzeiten. Sie hatten keine Chance sich zu wehren. Sie waren ohnmächtig und ausgeliefert. 

     Und die weltlichen und kirchlichen Fürsten mit ihren Fronvögten schämten sich nicht, so zu verfahren, obwohl die Bibel das eindeutig verbietet (Losung etc.). Die Unterdrückung ihrer Untertanen war sozusagen ihr Geschäftsmodell. Sie haben sie ausgepresst und als Soldaten verschlissen, um selbst ein „fürstliches“ Leben führen zu können. Und ich denke, dass es deinen Vorfahren nicht anders erging.

     Auch Martin Luther hat dagegen nur leise seine Stimme erhoben, weil er auf den Schutz der Fürsten gegen Kaiser und Papst angewiesen war. Nach ihm ist die evangelische Kirche eine Obrigkeitskirche geworden und viele Jahrhunderte geblieben. Thron und Altar bildeten eine Allianz und steckten die Untertanen in eine weltliche und in eine geistliche Zwangsjacke.

     Nach den Revolutionen von 1789 in Frankreich und 1848 in Deutschland und anderen europäischen Ländern, schien diese Zwangsherrschaft vorbei zu sein. Aber die alten Kräfte haben bald wieder die Oberhand gewonnen. Und es wäre so weitergegangen wie bisher, wenn sich die Sozialisten und frühen Kommunisten nicht für die Rechte der Entrechteten, der Ausgebeuteten und Erniedrigten eingesetzt hätten. Sie wurden Atheisten, weil die Kirchen die Unterdrückten im Stich gelassen hatten, - von wenigen Ausnahmen abgesehen.

     Doch die sozialistische und kommunistische Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts verkam nur allzu bald zu einer diktatorischen Ideologie. Erst wurden in der Sowjetunion unter Stalin aus ideologischen Gründen die kleinen Leute und Bauern erneut unterdrückt bis zum Hungertod. Und später mussten die Menschen in der sogenannten DDR wieder unter Freiheitsentzug und geistiger Unterdrückung leiden.

     Zur Zeit Jesu war das nicht viel anders. Deshalb sagt er zu seinen Jüngern: »Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. Aber so darf es bei euch nicht sein. Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen.«

     Der demokratische Rechtsstaat, in dem wir heute leben können, wurde mit Blut, Schweiß und Tränen erkämpft. Viele leben jetzt in einem früher unvorstellbaren Wohlstand. Niemand muss mehr hungern. Alle sind grundsätzlich  frei. Doch wozu nutzen wir das? Leben wir rücksichtslos und selbstsüchtig auf Kosten unserer Kinder und Enkel oder verantwortungsvoll, was unsere gemeinsame Zukunft betrifft?

 

Und wie sieht‘s bei uns Christen aus? Wie sieht‘s aus in deiner Familie, am Arbeitsplatz oder wo du sonst lebst? Dienen dir, die größer und mächtiger sind als du? Und tust du das auch bei denen, die kleiner und schwächer sind als du? Wird in deiner Welt auf andere noch Druck ausgeübt oder gilt, was Jesus sagt: »Alles, was du dir von anderen wünschst, darin komme ihnen zuvor« (Lehrtext)?

 

Gebet: Herr, vor dir müssen nicht erst alle Menschen Brüder werden oder Schwestern. Vor dir sind wir es. Und es ist dein Wille, dass wir geschwisterlich miteinander umgehen, dass die Starken den Schwachen dienen und die Mächtigen denen, für die sie Verantwortung haben. Darum will ich mich auch in meinem Umfeld so verhalten, wie ich möchte, dass andere zu mir sind. Amen

 

Herzliche Grüße!

Ihr / dein Hans Löhr 

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Donnerstag, 14. Oktober 2021

Halt finden hl

Losung: Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN. Psalm 146,5 

Lehrtext: Seid standhaft, und ihr werdet euer Leben gewinnen. Lukas 21,19

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wenn du in der U-Bahn keinen Sitzplatz mehr bekommst, empfiehlt es sich, dass du dich an einer Haltestange festhältst oder irgendwo anlehnst. Sonst ist die Gefahr groß, dass du bei den ständigen Beschleunigungs- und Bremsvorgängen das Gleichgewicht verlierst. Standhaft bleibt da nur, wer einen Halt hat.

     Und genauso verstehe ich den Lehrtext: Ich kann in den Wechselfällen des Lebens nicht standhaft aus mir selbst heraus sein. Ich brauche im Auf und Ab von guten und schlechten Zeiten einen Halt. An mir selbst kann ich mich nicht festhalten. Doch ich habe die Glaubenserfahrung gemacht, dass Gott mich hält. Sonst wäre ich nicht so weit gekommen.

     Ich sage es mal so: Durch den Glauben hält mich Gott, dass ich im Großen und Ganzen mein inneres Gleichgewicht behalte und sogenannte Schicksalsschläge nicht zu fatalen Niederschlägen werden. Aber ich muss den Halt, den er mir bietet, auch annehmen, mich an ihm festhalten, die Hand, die er mir reicht, ergreifen. Mein stärkster Halt ist mein Gottvertrauen, das er in mir wirkt. Das gibt mir Zuversicht. Und wenn ich doch einmal am Boden liege, gibt es mir Kraft, wieder aufzustehen und weiterzumachen.

     Ja, »wohl dem, dessen Hilfe Gott ist, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn«. Paul Gerhardt hat aus dem heutigen Losungswort einen Liedvers gemacht. Darin heißt es:

 

Gebet: Wohl dem, der einzig schauet / auf Jakobs (Israels) Gott und Heil. / Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil, / das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt. / Sein Tun und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt. Amen
(Evang. Gesangbuch Nr. 302 Vers 2) 

Herzliche Grüße!

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Mittwoch, 13. Oktober 2021

Reden oder schweigen? hl

Losung: Der HERR rief Samuel. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich! 1.Samuel 3,4 

Lehrtext: Der Herr sprach zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir. Apostelgeschichte 18,9-10

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, sagt das Sprichwort. Doch nicht selten ist es umgekehrt. Ja, man kann sich um Kopf und Kragen reden, kann anecken und es sich mit anderen verderben. Man kann sich aber auch durch Schweigen ungewollt zum Komplizen der Machenschaften anderer machen und in manchen Fällen mitschuldig werden. Klug ist, wer weiß, wann er den Mund aufmachen muss und wann er ihn zu lässt. Aber wer weiß das schon immer?

Im Lehrtext geht es darum, dass Paulus reden soll und nicht schweigen. Er soll sich nicht vor den möglichen Folgen fürchten, sondern der Zusage vertrauen, dass Jesus mit ihm ist. Das gilt, so meine ich, nicht nur, wenn ich von meinem Glauben rede und das Evangelium predige.

Das gilt auch, wenn Unrecht geschieht und die Schwachen von den Starken an die Wand gedrückt werden. Dagegen sind die Propheten des Alten Testaments aufgetreten und haben ihre Stimme erhoben. Und in der Tat, es ist ihnen nicht immer gut bekommen. Aber sie wussten, man kann nicht Gott ehren und den Mitmenschen vergessen; man kann nicht Gottesdienste feiern und die Hilfsbedürftigen außen vor lassen. Da war Jesus ganz und gar auf ihrer Linie.

»Der Herr rief Samuel«, heißt es in der Losung. Ob er seit den biblischen Zeiten schweigt? Ich glaube nicht. Ich glaube vielmehr, dass sich nicht wenige auch heute noch berufen fühlen, für ihre Mitmenschen einzutreten und etwas für sie zu tun. Sie haben ein Gespür dafür, andere nicht im Stich zu lassen, einfach, weil sich das so gehört, auch wenn sie nicht wissen, dass Gott sie dazu be-ruft.

 

Gebet: Herr, zeige mir, wann ich schweigen soll und wann reden, wann ich mich für andere einsetzen soll und wann mich zurückhalten. Wenn ich auf dich vertraue, brauche ich keine Angst vor anderen zu haben, denn du bist mit mir. Dann kann ich freimütig sagen, was zu sagen ist. Du gibst mir auch die Kraft, es zu ertragen, wenn ich dafür angefeindet werde. Doch hilf mir auch, dass ich nicht ungerecht werde und andere mit Worten unnötig verletze. Amen 

Herzliche Grüße!

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