Sonntag, 1. März 2020

Warum bist du hier? (Predigt) hl

Predigt von Hans Löhr im Lichtblickgottesdienst

Liebe Freunde,

ich habe neulich ein kleines Büchlein gelesen „Das Cafe am Rande der Welt“ von John Strelecky. Darin geht es um nichts Geringeres als den Sinn des Lebens. Das Buch ist schon 2006 erschienen und wurde mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt. Manche von euch werden es kennen. Mir hat das Buch nur teilweise zugesagt. Meiner Meinung nach betont es zu stark die Wahlfreiheit des einzelnen Menschen so als ob jeder zu jeder Zeit sich für das entscheiden könne, was er tun und lassen möchte. Es stimmt eben nicht, dass wirklich jeder „seines Glückes Schmied ist“. Frauen in Bangladesh, Schuldsklaven in Indien, Kriegsopfer in Syrien – sie alle würden sich gern ein anderes Leben wählen, wenn sie könnten. Bauernkinder in Deutschland mussten bis vor wenigen Jahrzehnten auch noch den Hof weiterführen, wenn die Eltern das gewollt haben.
     Vielleicht hast auch du Verpflichtungen, die du nicht einfach abschütteln kannst. Doch immerhin haben wir in Europa sehr viel mehr Möglichkeiten als in anderen Weltgegenden. Und darum greife ich eine Frage aus dem Buch auf, die in den ersten Kapiteln behandelt wird und die es lohnt, dass man darüber nachdenkt. Sie heißt: „Warum bin ich hier?“
     Natürlich kannst du dich jetzt auch fragen, „Warum bin ich hier im Lichtblickgottesdienst?“ Aber die Frage reicht tiefer. Sie meint: ‚Warum und wozu bin ich überhaupt auf der Welt?‘
     Rein biologisch gesehen, ist die Antwort klar: Wie alles andere Leben auch, bist du auf der Welt, um dich fortzupflanzen. Basta! Auch am Anfang der Bibel heißt es ja: Gott sprach zu Adam und Eva: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde!“ Das also ist der Zweck unseres Daseins. Aber ist das alles? Hat das Leben nicht noch einen anderen Sinn? Haben wir vielleicht noch eine andere Bestimmung, die wir erfüllen können?
     Wer den tieferen Sinn der Frage „Warum bin ich hier?“ entdeckt hat und die Antwort wirklich wissen will, den lasse diese Frage nicht mehr los. So das Buch. Wer die Antwort für sich gefunden hat, werde den Wunsch haben, dem Sinn seines Da-Seins gerecht zu werden, seine persönliche Bestimmung zu verwirklichen. Man könne sich aber auch für die Möglichkeit entscheiden, die gefundene Antwort beiseite zu schieben und so weiterzumachen wie bisher.

Was ist deine Bestimmung?

     In dem Buch heißt es weiter: Tue, was deiner Bestimmung entspricht. Wenn es für dich bedeutet, Kranke zu besuchen, so mach das. Wenn es für dich bedeutet, anderen mit deinen Fähigkeiten zu helfen, also die Wohnung zu streichen oder Probleme mit dem Computer zu lösen, so mach das. Wenn es für dich bedeutet, Hilfsgüter zu sammeln und in Katastrophengebiete zu fahren, so mach das. Wenn es für dich bedeutet, für deine Kinder und Enkel da zu sein, mach dies. Wenn es dir ein Bedürfnis ist, eine junge Familie in der Nachbarschaft zu unterstützen und auf die Kinder aufzupassen, mach das. Und so weiter. Frage dich, was kann ich, was möchte ich tun, was gibt meinem Leben Sinn, was macht mich zufrieden – und dann tue das. Und falls du meinst, du solltest alles tun, um reich zu werden, - wenn das deine Bestimmung ist, dann tue dies. Aber beobachte dich, ob du dabei nicht immer hungriger wirst.
     Frage dich, wozu bin ich auf der Welt? Was ist meine Bestimmung und dann tue das. Du hast öfter die Wahl als du denkst, das zu tun, was dir wirklich gut tut, was dich zufrieden und vielleicht sogar glücklich macht. Nur du musst das selbst tun und darfst nicht darauf warten, dass andere dich zufrieden und glücklich machen.
     In jenem Buch heißt es: Wenn ein Mensch die Antwort gefunden hat, warum er hier ist, dann hat er den Zweck seines Da-Seins, seiner Existenz erkannt. Das ist das eine. Das andere aber ist, dass er das dann auch ausprobiert, was ihn erfüllt. Die Frage ist also: Haben die vielen Dinge, die ich Tag für Tag tue mit dem Zweck meines Da-Seins zu tun? Beantworten sie die Frage, warum ich auf der Welt bin? Oder will und sollte ich etwas anderes tun?

Warum lebe ich so wie ich lebe?

     Das führt uns gleich zur nächsten Frage: Warum tue ich das, was ich Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr tue? Weil es mich erfüllt oder weil ich Angst habe, etwas anderes, etwas neues auszuprobieren? Tue ich es, weil ich es will oder weil andere wollen, dass ich es will? Tue ich es, weil ich mir bestimmte Dinge leisten will oder weil ich mir Zeit leisten will für andere und für mich? Oder tue ich das alles, weil ich nicht anders kann?
     In dem Buch „Die Vermessung der Welt“ geht es um Alexander von Humboldt, der von 1769 bis 1859 gelebt hat: Seine Mutter bestand darauf, dass er in den preußischen Staatsdienst eintrete und eine entsprechende Ausbildung absolviere. Aber ihm stand der Sinn danach, die Natur zu erforschen und in ferne Länder zu reisen. Nach dem Tod der Mutter war er innerlich so frei und finanziell so unabhängig, dass er seiner Bestimmung folgen konnte. So reiste er unter anderem nach Südamerika und erforschte Tiere, Pflanzen, die Böden und das Klima im Regenwald des Orinoko-Flusses von Kolumbien und in den Anden von Ecuador. Dabei bestieg er als Erster den Chimborazo, der mit seinen 6263 Metern damals als der höchste Berg der Erde galt. In Venezuela entdeckte Alexander von Humboldt am Valencia-See als Erster den von Menschen verursachten Klimawandel. Das war vor 220 Jahren. Unser heutiges Verständnis von Natur, dass alles mit allem zusammenhängt und dass wir Menschen nur eine Faser im feingesponnenen Netz des Lebens sind, geht auf ihn zurück.
     Alexander von Humboldt lebte leidenschaftlich, was seiner Bestimmung entsprach. Er wusste, wozu er auf der Welt war. Und wir heute profitieren von seinen Entdeckungen und Kenntnissen.
     Keiner von uns muss deshalb ein zweiter Humboldt werden. Aber dieser Mann kann ein Beispiel und vielleicht sogar ein Vorbild dafür sein, was ein Mensch erreichen kann, der den Zweck seines Da-Seins erkennt und danach lebt.
     Was deine Bestimmung ist, wozu du sozusagen berufen bist, weiß ich nicht. Vielleicht tust du ja genau das, wozu du da bist. Vielleicht führst du ein erfülltes und zufriedenes Leben. Dann hast du die richtigen Entscheidungen getroffen und tust, was was deinen Begabungen, Fähigkeiten und Wünschen gemäß ist.

Eine Antwort

     Vielleicht bist du aber noch auf der Suche und fragst dich, wie soll, wie will ich leben? Ich frage mich das natürlich auch. Und ich habe für mich die Antwort in der Bibel gefunden. Jesus hat sie denen gegeben, die so fragen und gesagt:
»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand.‹ Das ist das erste und wichtigste Gebot.      Ebenso wichtig ist aber ein zweites: ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Alle anderen Gebote sind in diesen beiden Geboten enthalten.« (Matthäus 22,37-40)
     Möglicherweise denkst du jetzt: ‚Nun ja, der Pfarrer muss eben so reden.‘ Wenn du meinst. Aber vielleicht ist da doch etwas auch für dich dran. Denn in diesem Gebot ist davon die Rede, dass du dich selbst liebst. Das ist sozusagen die Voraussetzung, dass du auch deine Mitmenschen lieben kannst. Ich glaube, nur wer sich selbst liebt, kann auch den Zweck seines Daseins entdecken. Und vielleicht gibt es neben den vielen verschiedenen Antworten, warum ein Mensch hier auf der Welt ist, die eine Antwort, die auf alle zutrifft: Dass er zu seinen Mitmenschen freundlich ist, mit ihnen im Frieden lebt und ihnen hilft. Das, so glaube ich, trifft auf alle Generationen überall auf der Welt und zu allen Zeiten zu. Das ist zumindest aus der Sicht der Bibel und vor allem aus der Sicht Jesu der Zweck, wozu uns Gott geschaffen hat.
     „Warum bist du hier?“ Diese Frage steht vorn auf der Speisekarte des Cafés am Rande der Welt. Auf diese Frage sind viele unterschiedliche Antworten möglich. Aus meiner Sicht werden sie alle von der einen großen Antwort bestimmt, die Jesus gegeben hat. Und so kann ich für mich sagen: Ich bin hier, damit meine kleine Welt durch mich etwas heller, freundlicher und friedlicher wird. Ich kann das, weil Gott mich liebt und mir die Kraft dazu gibt. Darum kann ich ihn wieder lieben. Er ist der Grund, warum es mich überhaupt gibt. Er ist der Grund, warum es dich gibt und diese Welt und das ganze Universum. Ihm habe ich alles zu verdanken was ich bin und habe. Ihm vertraue ich mein Leben an. Das gibt mir Energie, wenn ich mich schwach fühle. Das tröstet mich, wenn es mir nicht gut geht. Das macht mich zuversichtlich, dass er mir auch morgen helfen wird, so wie er mir bisher geholfen hat.
     Und warum bist du hier?

Amen

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