Sonntag, 29. April 2018

Was Lieder bewirken können (Predigt) hl


Sonntag Kantate 2018, Gottesdienstvertretung in Bechhofen

"Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön, dem welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehen; ich will dem Herren droben hier preisen auf der Erd, ich will ihn herzlich loben, so lang ich leben werd."
     Ich freue mich jetzt schon, liebe Gemeinde, wenn ich dieses Lied mit euch nach der Predigt singen werde. Es gehört zu meinen Lieblingsliedern. Wenn ich euch aber erklären soll, warum das so ist, komme ich ins Stocken. Denn dass uns Lieder berühren, das hat weniger mit dem Ver­stand, aber viel mit Gefühl zu tun. Lieder reichen offenbar in die Tiefenschichten der Seele; sie erreichen den Menschen noch dort, wo bloße Worte nicht mehr hinreichen. Dazu hatte ich als junger Pfarrer vor 40 Jahren ein unvergessliches Erlebnis:
     Es war einer meiner ersten Besuche im Altenheim einer fränkischen Kleinstadt. Eine Frau hatte ihren 90. Geburtstag. Sie war dement und lag in der geschlossenen Abteilung. Die Schwester führte mich an ihr Bett:
"Grüß Gott, Frau Meier!", sagte ich laut und vernehmlich, "ich bin der Pfarrer und ich will Ihnen zum Geburtstag gratulieren." Da schaute sie mich aus dem Kissen heraus misstrauisch an und sagte in unverfälschtem Fränkisch: "Du Lumbers (=Schlingel) kummst mer net in mei Bett nei (=hinein)!"
     Ich war komplett verblüfft. Auch mein zweiter Versuch, ihr zu erklären wer ich sei und was ich wolle, blieb fruchtlos. Sie wiederholte nur diesen ominösen Satz. Ganz schön verunsichert, aber auch ein wenig belustigt zog ich wieder ab. Die Schwester, dier dabei war und sich das Lachen nicht verkneifen konnte, meinte noch mich trösten zu müssen: "Machen Sie sich nichts draus, Herr Pfarrer, die Frau erkennt nicht mal ihre eigenen Angehörigen. Das geht schon bald drei Jahre so." Naja, jedenfalls wusste ich seitdem, dass ich mich bei solchen Besuchen auf allerhand gefasst machen musste.
Einige Zeit später wurde ich wieder an ihr Bett gerufen. Jetzt lag sie im Sterben. Sie war nicht mehr ansprechbar, aber ihre Angehörigen wollten bei ihrer Mutter noch einmal Abendmahl fei­ern. Ich nahm meinen Koffer mit den Abendmahlsgeräten und meinen Talar. Dann standen wir um ihr Bett und ich eröffnete die Feier mit einem Lied. Die Angehörigen sangen leise mit, die Sterbende aber schlug überraschend die Augen auf und fiel deutlich hörbar in den Gesang ein. Sie sang auch die Gesänge der Abendmahlsliturgie mit, betete die vertrauten Gebete, nahm in offenkundiger geistiger Klarheit die Hostie und den Kelch und ließ sich segnen. Kaum war die Feier vorüber, fiel sie in den alten Zustand zurück und war nicht mehr zu erreichen. Ihre Kinder hatte dieses Erlebnis richtig geschockt. Sie waren fassungslos, die Mutter nach so langer Zeit noch einmal bei Sinnen erlebt zu haben. Am nächsten Tag hörte ich, dass diese Frau gestorben sei.
     Ich will mich hüten, aus dieser Begebenheit weitreichende Schlüsse zu ziehen. Sie eignet sich nicht, damit etwas beweisen zu wollen. Aber eines meine ich doch sagen zu können: Der Schlüssel zu jener Frau waren offenbar das Lied und die vertrauten Elemente der Liturgie. Neues hatte sie nicht mehr erreicht. Aber die vertrauten Melodien und Worte haben in ihr einen Widerhall gefunden, haben eine Brücke gebaut, auf der sie uns noch einmal für ein paar Augenblicke begegnen konnte. Die Lieder haben geschafft, was bloße Worte nicht mehr schaffen konnten, sie sind bis zu ihrer, von der Krankheit verschütteten Persönlichkeit vorgedrungen.
     Ja, dass uns Lieder im Innersten berühren, das hat weniger mit Verstand, aber viel mit Gefühl zu tun. Deshalb ist es auch schwierig zu erklären, weshalb mir ein Lied gefällt. Deshalb ist es am besten, einfach zu singen. Im Predigttext für den Sonntag Kantate, welcher zugleich der Wochenspruch ist, heißt es dazu:"Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Psalm 98,1)
     Wir singen heute hier keine neuen Lieder. Dazu kenne ich euch zu wenig. Ich weiß nicht, welche neuen Lieder ihr kennt und ob sie euch gefallen. Mir gefallen zum Beispiel auch die alten Lieder, die wir heute in diesem Gottesdienst singen. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Sie sind mir vertraut. Viele Verse kann ich auswendig.
     Aber in unserem gut besuchten Lichtblickgottesdienst in Burgoberbach singen wir fast nur neue Lieder, kaum älter als 20 Jahre. Und da erlebe ich, dass stimmt, was das Bibelwort sagt. Gott tut tatsächlich Wunder, weil da plötzlich aus dem ganzen Landkreis Menschen kommen, die sich in einer Kirche und in einem Gottesdienst wie diesem nicht mehr wohl fühlen. Da sind mehr Menschen als man denkt, die gerne ihren Glauben feiern und leben möchten. Aber sie können mit den alten Formen nichts anfangen, weil sie ihnen nichts mehr sagen.
     Ein Pfarrer im schwarzen Talar ist für sie abgehoben. Eine traditionelle Gottesdienstordnung ist für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Orgelmusik hören sie auch sonst im Alltag nicht. Sie kommen sich in einem Kirchengebäude fremd vor, haben aber keine Probleme, in ein Schulhaus zu gehen und dort Gottesdienst zu feiern. Sie fühlen sich von zeitgenössischer Musik angesprochen, von Rhythmen und Instrumenten, die sie auch aus dem Radio kennen. 
     Und plötzlich sind sie da, die wir sonst in unseren Kirchengottesdiensten immer so schmerzlich vermisst haben. Für mich ist das ein Wunder, welches auch mit den neuen Liedern zu tun hat, die wir da singen und die denen, die kommen, gut tun.
Soll man nun die traditionellen Kirchengottesdienste abschaffen und nur noch solche Lichtblickgottesdienste feiern? Das wäre ein Fehler. Ich meine, eine ganze Zeit lang muss es noch beides nebeneinander geben. Noch gibt es Leute in unseren Dörfern, die sich in einem Gottesdienst wie diesem hier in der Kirche zu Hause fühlen. Doch gleichzeitig gibt es noch mehr, die sich nach einem zeitgemäßen Gottesdienst sehnen, wo sie mit ihrem Leben heute vorkommen. Und so meine ich, ein Kirchenvorstand hat Verantwortung für beide, für die, die das Traditionelle lieben genauso wie für die, die sich für ihren Glauben neue Formen wünschen. Beides nebeneinander anzubieten ist nicht einfach. Aber es geht. Und der Zuspruch und die Begeisterung sind einfach beglückend.
     Ich erlebe Singen als etwas Befreiendes. Im Musikunterricht in der Schule wurde es mir fast verleidet. Später habe ich es gerade in den Gottesdiensten wieder gelernt. Es tut einfach gut, sich so richtig auszusingen, seine Freude herauszusingen und seinen Kummer, die Sehnsüchte und die Ängste, die Bitten und den Dank. Doch das klappt nur, wenn ich auch wirklich den Mund aufmache und laut singe statt verschämt und verdruckst vor mich hin zu flüstern.
     Jeder, der gern im Gottesdienst singt, hat wohl so seine speziellen Lieder. Und wenn einem die Predigt nicht's sagt, so ist es doch meistens ein Lied, das wieder aufbauen kann. Oft hilft es mir, mich von der Melodie tragen und von den Worten ansprechen zu lassen. Ich muss nichts Eigenes erfinden. Ich kann mich aber mit meinen Gefühlen wiederfinden in dem, was Menschen vor mir geglaubt und gehofft haben. Und wenn es mir bei einem traurigen Anlass die Sprache verschlägt, dann sind es nicht zuletzt Liedverse, die dazu beitragen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben.
Darum: „Singt dem Herrn alte und neue Lieder, denn er tut Wunder!“ Amen

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