Donnerstag, 13. August 2020

Vom Vater geschlagen? hl

Losung: Durch seine Wunden sind wir geheilt. Jesaja 53,5 

Lehrtext: Jesus sollte sterben für das Volk und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Johannes 11,51-52 

Liebe Leserin, lieber Leser, 

warum musste Jesus so leiden und so elendiglich sterben? Warum wurde er so grausam gefoltert und am Kreuz zu Tode gequält? Der Evangelist Johannes, der erst 60 bis 80 Jahre nach Jesu Tod über dieses schreckliche Ende nachgedacht hat, meinte, dies sei von Gott so gewollt.
     Und so schreibt Johannes diesen Satz aus dem heutigen Lehrtext: „Jesus sollte sterben...“ Dem Oberpriesters Kaiphas zufolge sollte Jesus sterben, um das Volk nicht zu verderben. Gott zufolge sollte er sterben, um das Volk, um uns alle zu retten. So wird noch heute in den allermeisten Kirchen gepredigt. Aber wovor sollte er uns retten? Vor dem ewigen Tod, der der Preis der Sünde ist, wie Paulus schreibt. Welcher Sünde? 
     Also der Reihe nach: Gott verhängt über uns Menschen wegen unserer Sünden, wegen unserer Verstöße gegen die 10 Gebote oder eines unmoralischen Lebenswandels die Todesstrafe. Das ist sein Gesetz, seine Gerechtigkeit.

Wie sich Menschen Gottes Gerechtigkeit vorstellen

     Um die Strafe nicht vollstrecken zu müssen, lässt er seinen Sohn Jesus für uns foltern und qualvoll umbringen. Demzufolge wird Gott von seiner eigenen Gerechtigkeit gezwungen, das zu tun. Nun ist seiner Gerechtigkeit Genüge geleistet und wir sind begnadigt, sind gerettet. Oder? 
     Nein, noch nicht. Jetzt muss ich noch "mit meinem Mund bekennen: Herr ist Jesus - und in meinem Herzen glauben: Gott hat ihn von den Toten auferweckt" (Römer 10,9). Wenn diese Bedingungen alle erfüllt sind, dann, aber erst dann bin ich gerettet. Ist das Gnade?
    Und ist das Gerechtigkeit? Ich frage dich, was ist das für ein Gott, der so handelt? Ist das noch der barmherzige Vater des Jesus von Nazareth, der will, was sein Sohn erleiden musste?
     Vielleicht sagst du jetzt: 'Aber das ist doch alles für mich geschehen, damit ich nicht in den Feuersee geworfen werde (Offenbarung 21,8) und wie die Hexen brennen muss.' So? Was hast du denn Böses getan, dass du so hart betraft werden müsstest und dass Jesus so schrecklich leiden musste, um dich durch seine Qualen zu retten? Bist du wirklich so schlimm?
     Diese schwarze Theologie hat in der Vergangenheit weithin den Glauben unserer Vorfahren geprägt. Und noch heute leiden Menschen darunter. Selbst in unserem aktuellen Gesangbuch stehen Lieder, die so ein Zerrbild von Gott vermitteln. Zum Beispiel:

Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen,
Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen:
für deine Seelenangst, für deine Band und Not,
für deine Geißelung (=Folter), für deinen bittern Tod.
Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet,
was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet.

Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan;
o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?
Dein Angst komm uns zugut, wenn wir in Ängsten liegen;
durch deinen Todeskampf lass uns im Tode siegen;
durch deine Bande, Herr, bind uns, wie dirs gefällt;
hilf, dass wir kreuzigen durch dein Kreuz Fleisch und Welt.

 (Evangelisches Gesangbuch Nummer 87)

Dieser Glaube ist nicht mein Glaube. Dieser prügelnde Sado-Gott ist nicht mein Gott. Ich werde mich auch hüten, Jesus dafür zynisch zu danken, dass er Angst hatte, leiden musste sowie gefoltert und grausam hingerichtet wurde. Und ich habe das auch nicht verschuldet. Nein, meine Sünden haben ihn nicht gekreuzigt. Das waren die Mächtigen in Staat und Kirche damals, die ihre Macht durch ihn gefährdet sahen und ihn deshalb auf diese Weise beseitigt haben.
      Und ich werde auch nicht durch sein Kreuz mein „Fleisch“, also mein leibliches Leben und auch nicht diese Welt „kreuzigen“. Mein Leib und diese Welt sind für mich ein Geschenk Gottes, dessen ich mich freuen darf und nicht schämen muss.

Jesus bleibt sich und darum auch dir treu

     Ja, sein Tod am Kreuz bedeutet auch für mich Erlösung. Aber er hat mir nicht erst durch sein Leiden und Sterben die Sünden vergeben und mich mit Gott versöhnt. Das hat er schon vorher getan. Das ist bereits geschehen, als Gott in ihm als der gute Hirte zu mir auf die Welt gekommen ist.   
     So hat er weggenommen, was mich von ihm trennt, um bei mir zu sein. Sein Tod am Kreuz heißt für mich, dass er sich, allen Widerständen zum Trotz, bis zuletzt treu geblieben ist und seine Liebe zu uns Menschen nicht verraten hat, ja nicht einmal die Liebe zu seinen Feinden.
     Da ist in letzter Konsequenz deutlich geworden, was schon immer gilt. Was seit Bethlehem offenkundig ist und was später der Apostel Paulus sagte: "Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist" - auch nicht meine Sünde. Doch nicht erst sein Tod beweist seine Liebe. Sondern seine Liebe widerlegt den Tod. Sie gehörte vor Ostern wenigen. Jetzt gehört sie dir und mir und den anderen auch.

Gott schlägt nicht zurück

     Nein, nicht Gott hat ihn so geschlagen, sondern er hat sich in Jesus von den Menschen schlagen lassen, ohne selbst zurückzuschlagen. So hat Gott das Böse mit Gutem überwunden. Das ist das große Geheimnis des christlichen Glaubens. Das unterscheidet ihn von allen anderen Religionen. Das erlöst mich von aller Gottesangst. Nun kann ich ihm vertrauen wie ein Kind seinem guten Vater.
     Eine Kindergartenleiterin erzählte, dass ein kleiner Bub weinte und als sie ihn fragte warum, sagte er: "Mir tut mei Popo so weh." "Was ist denn passiert?" "Mei Papa hat mi g'haut. Er hat immer 'Gehorsam' g'sagt. Aber i weiß doch gar net, was des is." Der Papa ist Pfarrer einer schwäbischen Gemeinde und hält sich selbst für bibeltreu ... - Du kleiner Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen.

Gebet: Gütiger Gott, geliebter Vater, du bist in Jesus in die tiefsten menschlichen Abgründe hinabgekommen und hast da unser Leiden, unsere Schmerzen und Angst geteilt. Du hast gezeigt, dass deine Liebe stärker ist als der Tod, stärker als der Hass, stärker als alle Sünde und Schuld. So heilst du mich, dass ich nicht länger gottesblind bin. Dafür danke ich dir von ganzem Herzen. Amen 

Herzliche Grüße, 

Ihr / dein Hans Löhr

PS: Diese Auslegung ist eine Einladung zum Austausch. Ich bin auf Ihren / deinen Kommentar gespannt.

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Kommentare:

  1. Guten Abend, lieber Herr Löhr.Ihre Auslegung gibt viel zu denken. Und sie rührt mich sehr an, da sie mir einen Weg aufzeigt, mit vielen biblischen Aussagen, die mir Probleme bereiten, besser klar zu kommen. Aber es braucht noch mehr Zeit, um die Auslegung wirken zu lassen. Vielleicht außerhalb die bislang schwache Resonanz. Matthias.

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Guten Morgen !
    Wegen Auslegungen wie diesen, lese ich ihren Blog. Die Betonung darauf, dass Gott sich in einem Menschen ganz mit uns identifiziert hat und die Liebe (für ALLE) Menschen gilt und siegt! Da ich "schwarze Theologie" und deren Auswikungen erlebt habe weiss ich es zu schätzen, dass sie Anderes in die Welt bringen.

    LG

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  4. Lieber Herr Löhr, vielen Dank für die mutmachende Auslegung. Mich beschäftigt schon lange eine Frage: begnadigt Gott alle Menschen und ist es somit egal ob ich mich zu ihm bekenne und ihm nachfolge oder mein eigenes Ding mache? Am Ende aller Tage werden alle, gläubige und ungläubige Menschen in die Herrlichkeit Gottes kommen? LG Doreen

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  5. Ja,das möchte ich doch glauben!

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