Sonntag, 5. Januar 2020

Zwischen Glaube und Unglaube (Predigt) hl

Lichtblickpredigt zum neuen Jahr von Hans Löhr

Liebe Freunde,
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“ Über diesen Satz will ich heute mit euch nachdenken und mit einem eigenen Erlebnis beginnen:
     Endlich hatte ich es geschafft. Am Abend war unsere kleine Gruppe, die den Kilimandscharo besteigen wollte, an der letzten Hütte angekommen. Um Mitternacht schon sollte es dann wieder weitergehen auf den Gipfel des höchsten Berges von Afrika. Aber das konnte ich mir in dem Augenblick nicht vorstellen. Die letzte Dreiviertelstunde bis zur Kibo-Hütte auf 4750 m hatte mir noch einmal alles abverlangt. Keuchend und mit zittrigen Beinen schaute ich zurück auf den Sattel, den wir in den letzten Stunden durchwandert hatten. Schaute zurück auf vier Tage, die wir nun schon am Kilimandscharo unterwegs waren. Hinter uns lagen Bergwanderungen in sengender Sonne und strömendem Regen. Und nachts war es eiskalt. Mal war der Weg leicht, mal beschwerlich. Und nun also die letzte Etappe. Bei Sonnenaufgang wollten wir oben sein und hinunterschauen auf Tansania und hinüber nach Kenia.

Aufgeben ist keine Option

     Damals an der letzten Hütte fragte ich mich: Werde ich die letzten zwölfhundert Höhenmeter noch schaffen? Die dünne Luft hatte mir doch heute schon den ganzen Tag zugesetzt. Wie soll das erst werden, wenn es noch höher hinauf geht? Hoffentlich werde ich nicht auch noch höhenkrank wie der junge Chinese neben mir in der Hütte. Aber dann dachte ich mir: Jetzt hast du es bis hierher geschafft. Jetzt wirst du die letzte Etappe auch noch schaffen. Aufgeben ist jedenfalls keine Option. Ob ich damals gebetet habe, weiß ich nicht mehr. Aber als ich dann am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang oben am Kraterrand stand, habe ich gedankt. Das weiß ich noch.
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“ So beginnt der Psalm 121. Er war ursprünglich ein Wallfahrtslied. Man nimmt an, dass die Menschen, die zum Tempel in Jerusalem pilgerten, diesen Psalm gebetet haben, als sie aus den Ebenen aufbrachen in das Gebirge zum Berg Zion. Vielleicht hatten sie Angst vor Räubern, die sich im Gebirge versteckt hielten, oder vor wilden Tieren, vor Stürmen, vor reißenden Bächen oder vor einem plötzlichen Wintereinbruch. Und so fragten sie sich: Woher kommt mir Hilfe?
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, die vor mir liegen im neuen Jahr. Woher kommt mir Hilfe? Ich schaue auf zu meinen ganz persönlichen Bergen und zu den Problembergen dieser Welt. Welche anstrengenden Wegstrecken werden auf mich warten? Welche Sorgenberge mich bedrücken? Werde ich sie erklimmen oder werde ich an ihnen scheitern?

Rückschau und Vorschau

Ich schaue zurück auf die Berge des Jahres 2019, die hinter mir, die hinter dir, die hinter uns allen liegen. Der eine oder andere Berg ist noch nicht bezwungen. Mit ihm plagen wir uns auch im neuen Jahr ab. Aber da waren auch Berge, die uns unübersteigbar schienen und die nun doch hinter uns liegen. Dafür können wir heute dankbar sein. Die Herausforderungen türmten sich zweitweise auf wie ein Gebirge, doch jetzt liegen sie hinter uns.  
In der Rückschau war dann manches doch nicht so schwer, wie es zunächst schien. Nun schauen wir voraus auf die Berge des Jahres 2020. Noch sind sie eingehüllt im Nebel der Zukunft. Aber wir wissen, dass sie auf uns warten. Und so fragen wir uns an der Schwelle zum neuen Jahr wie jene Pilger nach Jerusalem: „Woher kommt mir Hilfe?“ Und wir antworten mit ihnen: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“
Ganz ähnlich haben wir vorhin zu Beginn des Gottesdienstes gesprochen. Ich habe mit Vers acht aus Psalm 124 begonnen: „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn…“ und ihr habt geantwortet: „…der Himmel und Erde gemacht hat“.
Aber jetzt mal ehrlich: Nimmst du da den Mund nicht etwas zu voll, wenn du so sprichst? Kannst du wirklich ohne rot zu werden sagen: „Mir hilft Gott, der Himmel und Erde gemacht hat?“ Das klingt doch arg vollmundig und unbescheiden. Nun, das mag schon sein. Aber das soll dich nicht kümmern. Ich hoffe sehr, dass du in diesem Fall so unbescheiden, bist und das voll Überzeugung sagst. Oder hast du das nur aus Gewohnheit so vor dich hingesagt und glaubst es gar nicht?
Mein Eindruck ist, dass viele Christen das nicht wirklich glauben. Sie sagen das zwar mit dem Mund, glauben aber nicht mit dem Herzen, dass ihnen der Schöpfer der Welt hilft.

Wenn wir doch so glauben würden!

Ach, liebe Freunde, wenn wir doch wirklich so glauben würden! Müsste dann nicht jede Furcht, jede Sorgen und jede Angst überwunden sein? Denn wer den Allmächtigen auf seiner Seite hat, was soll der noch fürchten? Worüber soll der sich noch Sorgen machen? Wovor soll der noch Angst haben? Etwa vor einem anderen Menschen oder vor einem Teufel oder gar dem Tod? Sind die etwa mächtiger als der Schöpfer der Welt? Sind jene bedrohlichen Mächte mächtiger als der, der auch dich gemacht hat, weil er es wollte? Und der dich darum liebt, weil du sein Kind bist? Nein, das sind sie nicht. Wer auch sollte mächtiger sein als unser Gott?
Denke jetzt mal in der Stille ein paar Augenblicke darüber nach …..
Niemand ist mächtiger als Gott. Und doch fürchten wir alle hier uns immer wieder vor diesem und jenem, vor Krebs, Schlaganfall und Demenz, vor der Klimakatastrophe, vor Terror und Krieg. Und hinzu kommen noch die ganz persönlichen Ängste, die jeder hier hat. Plötzlich sind wir, die wir soeben noch vollmundig gesagt haben „Uns hilft der Herr, der Himmel und Erde gemacht hat“, plötzlich sind wir wieder kleinmütig, bescheiden und verzagt. Plötzlich nagt der Zweifel an unserem Herz und schleicht sich der Kleinglaube ein. Was ist dann mit dem Gottvertrauen?  
Im Evangelium steht eine Geschichte, aus der die Jahreslosung für das neue Jahr kommt. Ein Vater hat ein schwerkrankes Kind und ist ganz verzweifelt. Als er Jesus sieht, sagt er: »Hab doch Mitleid mit uns! Hilf uns, wenn du kannst!« »Wenn ich kann?«, fragt Jesus erstaunt zurück. »Alles ist möglich, wenn du mir vertraust.« Verzweifelt schreit der Mann: »Ich vertraue dir ja – hilf mir doch, meinen Unglauben zu überwinden!« Und das Kind wird gesund.

Zwischen Zweifel und Vertrauen

Ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich jedenfalls erkenne mich in dem Vater wieder. Auch in meiner Brust wohnen zwei Seelen. Einerseits vertraue auch ich Jesus, in welchem Gott in seiner ganzen Fülle wohnt, wie es in der Bibel heißt. Und so versuche ich als Pfarrer immer wieder anderen Mut zu machen, dass auch sie ihm vertrauen. Andererseits aber ist da immer auch ein Rest Zweifel in mir: Wird er mir auch wirklich helfen, wenn ich ihn brauche? Ja, bisher hat er das getan. Aber wird er das auch im neuen Jahr tun? Kann ich mir da wirklich sicher sein? Und darum bitte auch ich gemeinsam mit dem Vater des Kindes: „Herr, hilf mir meine Zweifel und meinen Unglauben zu überwinden.“ Das also ist die Jahreslosung, das Bibelwort für das Jahr 2020.
Und so frage ich jetzt dich: Machen wir nicht einen Fehler, wenn wir Gottes Hilfe immer nur darauf beschränken, wo wir selbst unsicher und hilflos sind? Wenn ich dich zum Beispiel fragen würde: „Erzähl mir doch mal, wo und wann hat dir Gott in deinem Leben geholfen?“, dann wirst du mir wohl von dramatischen Ereignissen berichten, von einer schwierigen Geburt vielleicht oder einer schweren Krankheit, von einem Unfall, den du alles in allem gut überstanden hast und so weiter.
     Aber wer wird schon zu mir sagen: „Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, hilft mir jetzt, in diesem Augenblick. Er sorgt dafür, dass ich atmen kann, dass mein Herz schlägt und mein Gehirn funktioniert. Er hüllt jetzt die Erde in eine schützende Atmosphäre, damit es für uns warm genug bleibt und wir nicht in der Kälte des Weltraums erfrieren. Das alles und noch viel, viel mehr geschieht jetzt in diesem Augenblick, damit wir leben können.“

Gott ist kein Notarzt

    Wer wird das zu mir sagen? Aber genau darum geht es doch, dass wir uns immer wieder gemeinsam vergewissern: Gott ist kein Notarzt. Er hilft uns nicht nur in Notfällen. Er erhält uns in jeder Sekunde am Leben. Würde er seine Hand wegziehen, wir müssten augenblicklich vergehen. Selbst die Sterne würde aus ihrer Bahn fallen und im Nu wäre alles wieder wie am Anfang: tohu wa bohu – wüst und leer.
     Auch damals, als ich den Kilimandscharo bestiegen habe, hat er mir die Kraft gegeben für jeden einzelnen Schritt. Und er gibt sie mir und dir auch heute noch, jeden Tag. Damals habe ich es bis zum Gipfel geschafft. Und du schaffst es heute, deine Problem- und Sorgenberge zu bezwingen. Sie mögen sich bedrohlich vor dir auftürmen und dich einschüchtern. Aber wir beide sagen gemeinsam zu ihnen: „Ja, ihr mögt groß und mächtig sein. Aber unser Gott ist größer und mächtiger.“ Ich sage: „Unsere Hilfe kommt von dem Herrn“, und ihr hier antwortet: „der Himmel und Erde gemacht hat.“
Amen



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Psalm 121 Der treue Menschenhüter.
Ein Wallfahrtslied.

 

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. 

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. 

Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. 

Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!




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