Mittwoch, 9. November 2016

Die Sehnsucht der Ohnmächtigen hl

Losung: Wenn deine Gerichte über die Erde gehen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit. Jesaja 26,9

Lehrtext: Der Seher Johannes schreibt: Ich sah den Himmel weit geöffnet. Und ich sah ein weißes Pferd, auf dem saß einer, der heißt der Treue und Wahrhaftige. Er urteilt und kämpft gerecht. Offenbarung 19,11

Liebe Leserin, lieber Leser,

jawohl, auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wenn man nicht hart durchgreift, tanzen sie einem auf der Nase herum. Oder?
Nein. Gott ist nicht Donald Trump oder einer der Autokraten zwischen Istanbul, Budapest und Moskau. Und die Scharia ist nicht sein Gesetz.
     Der Prophet Jesaja hätte es zwar gern, dass Gott in seinem Sinn hart bleibt. Er versucht, ihm seine Gedanken von Gerechtigkeit einzureden, wenn er im nächsten Satz nach unserer Losung sagt: »Doch wenn du die Gottlosen begnadigst, begreifen sie nicht, was Recht ist. Auch in diesem Land, in dem dein Recht gilt, würden sie weiter Unrecht tun und dich nicht als den höchsten Gott erkennen.« Aber letzten Endes ist das nur ein Zeichen seiner Hilflosigkeit und Ohnmacht. Jesaja muss erleben, dass man auf ihn nicht hört. Nun also soll Gott die Ignoranten, die Verstockten bestrafen. Dabei merkt er nicht, wie er selbst gottlos wird, weil er den gnädigen Gott nicht kennen will.
     Ja, Gott geht das Risiko ein, die Gottlosen zu begnadigen. Er riskiert, was der Prophet befürchtet, dass diese weiter Unrecht tun und ihn nicht als den höchsten Gott erkennen. Er riskiert noch viel mehr. Er riskiert das Leben seines einzigen Sohnes. Doch das sind wir, seine Menschen, ihm wert. Gott sei Dank!
     Aus seiner Sicht ist nur der gottlos, von dem er sich abwendet. Doch niemand wird Gott los, auch wenn er das möchte. Er lässt, um es mit den Worten Jesu zu sagen, weiterhin seine Sonne scheinen über Gute und Böse und regnen über Gerechte und Ungerechte. Auch jetzt.
     Ich kann den Propheten Jesaja verstehen. Angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeit in dieser Welt wünscht man sich schon mal, dass einer die Macht und Kraft hat, dreinzuschlagen und alles in Ordnung zu bringen. Das ist die verderbliche Sehnsucht nach dem sogenannten starken Mann, die noch immer ganze Völker ins Unglück stürzt, vor 80 Jahren uns Deutsche und jetzt offenbar die Türken.
     Auch die Menschen der Bibel waren nicht frei davon. In ihrer Ohnmacht hofften sie auf Gottes Allmacht, dass er für sie vollbringe, wozu ihnen die Kraft gefehlt hat. Auch der Seher Johannes war so einer. Aber auch er und seine Worte müssen sich messen lassen an dem, der die Macht gehabt hätte dreinzuschlagen, der aber bei seiner Gefangennahme sagte: „Meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen (ca. 70.000) Engel schicken? Er würde sie mir sofort schicken. Wie sollte sich aber dann erfüllen, was in der Heiligen Schrift vorausgesagt ist?“ (Matthäus 26,53f.)
     Aber Jesus will nicht der Dreinschläger sein, nicht der grobe Keil. Ja, er hat durch sein Sterben am Kreuz den Himmel für uns alle weit geöffnet. Er trägt zurecht die Ehrennamen „der Treue“ und „der Wahrhaftige“. Auch urteilt und kämpft er gerecht, wie es im Lehrtext heißt. Doch seine Gerechtigkeit ist göttlich und unsere Gerechtigkeit ist menschlich. Wo er richtet, da lässt er Gnade walten. Und das Gesetz, nachdem er urteilt, heißt Liebe.
     Wenn es anders wäre, wer hätte dann wirklich eine Chance, vor seinem Richterstuhl zu bestehen? Ich nicht.

Gebet:  Herr, wehre du allen Gewaltfantasien in meinem Kopf. Denn du willst ja deinen Willen nicht mit Gewalt durchsetzen, sondern mit deinem Geist (Sacharja 4, 6). Gib mir die Kraft, deinen Weg zu gehen, dass ich lieber Gewalt leide als sie anderen zufüge. Segne mich und alle deine Menschen mit dem Geist des Friedens und mit Barmherzigkeit. Amen

Herzliche Grüße

Ihr / dein Hans Löhr

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