Sonntag, 20. November 2016

Zwischen Zeit und Ewigkeit (Predigt) hl

Lichtblickgottesdienst am Ewigkeitssonntag 2016 von Hans Löhr
Liebe Freunde,
wir haben ein Versprechen. Wie ein Regenbogen steht es über unserem Leben vom Anfang bis zum Ende. Wir haben keinen Beweis, keine Gewissheit. Wir haben nur dieses Regenbogen-Versprechen. Mehr nicht. Aber immerhin, besser als nichts. Gott verspricht uns: Ich bin da! Nimm mich beim Wort und glaube mir.
Er sagt: Ich war da, als dein Leben begann. Ich war da, als du das Licht der Welt erblicktest. Ich war in deiner Kindheit da und in deiner Jugendzeit. In deinen besten Jahren. Ich bin auch da, wenn du älter wirst und wenn du alt bist. Ich war und ich bin da, auch wenn du es gar nicht merkst, weil du mit dir und anderen Dingen beschäftigt bist. Ich bin da, wenn es dir schlecht geht und wenn es dir gut geht. Ich bin und bleibe da, wenn du wieder von dieser Erde gehst. Deine Lieben bleiben dann zurück. Doch ich gehe mit. Ich gehe mit dir durch das Tal des Todes. Ich bringe dich wieder heim zu mir, wo alles begonnen hat und alles vollendet wird. Ich werde nicht von deiner Seite weichen und es gibt nichts, was dich von meiner Liebe trennen kann: Kein Mensch, kein Unglück, keine Gewalt, keine Schuld, keine finstere Macht und auch nicht der Tod. Ich bin da! Das war so. Das ist so. Das bleibt so. Darauf kannst du dich verlassen.
Dieses Versprechen habt bitte im Sinn, wenn ich euch jetzt erzähle, was gestern geschehen ist:
10:15 Uhr. Mein Telefon klingelt. Ein alter Freund fragt mich, ob ich Zeit hätte. Seine Mutter ist im Krankenhaus und liegt im Sterben. Die Ärzte sagen, dass es jederzeit zu Ende sein kann. Ich sage zu und mache mich auf den Weg. Es regnet. Mein Freund ist überzeugter Atheist, aber nicht fanatisch. Aber er bittet mich, mit seiner Mutter zu beten. Auch wegen einer solchen inneren Einstellung ist er mein Freund.
Ich kenne die Frau. Erst letztes Jahr bin ich mit ihr und ihrem Sohn im Auto mitgefahren. Wir haben uns lang und gut unterhalten. Dabei hat sie mir viel aus ihrem Leben erzählt.
Sie liegt im Einzelzimmer. Ihre beiden Söhne und eine Ärztin sind bei ihr. Man erklärt ihr geduldig, was alles gemacht werden kann und dass ihr gegen die starken Schmerzen geholfen wird.
Als die Ärztin gegangen ist, setze ich mich zu der Frau ans Bett. Sie erkennt mich sofort und begrüßt mich mit meinem Namen. Ich halte ihre Hand und dabei plaudern wir erst einmal miteinander. Wir lachen auch mal zwischendurch. Dann sagt sie plötzlich: „Sie sehen immer noch gut aus.“ Als ich das später daheim am Mittagstisch erzähle, sagt meine 13-jährige Tochter auf ihre trockene Art: Wahrscheinlich war sie schon blind.
Die Frau ist 95, sowie meine Mutter jetzt auch wäre, die vor 6 Jahren gestorben ist. Der nahe Tod hat seine Spuren auf ihr Gesicht gezeichnet. Doch ihr Geist ist klar. Sie sagt: "Ich möchte, dass es jetzt schnell geht. Die Zeit ist da und ich bin bereit.“
Sie freut sich, dass ihre beiden Söhne da sind und sagt: "All das Gute, das ich gegeben habe, kommt jetzt wieder zu mir zurück." Von meinem Freund, bei dem sie in den letzten Jahren gelebt hat, sagt sie: "Jetzt muss ich ihn allein lassen." "Nein, nein", sagt er, "ich hab doch meinen Bruder und meine guten Freunde." Und ich ergänze: "Wir passen schon auf ihn auf, dass er keine Dummheiten macht."

Dann frage ich sie, ob ich ihr ein Lied vorsingen soll. Das gefällt ihr. Ich singe, was heute, am
Ewigkeitssonntag in vielen Kirchen gesungen wird:
»Wir warten dein, o Gottes Sohn
und lieben dein Erscheinen.
Wir wissen dich auf deinem
Thron und nennen uns die Deinen.
Wer an dich glaubt,
erhebt sein Haupt
und siehet dir entgegen.
Du kommst uns ja zum Segen.«
Die Melodie verklingt. Frieden breitet sich aus. Ich nehme ihre Hand in meine beiden Hände und bete: „Ewiger Gott, barmherziger Vater, du hast uns versprochen bei uns zu sein. Darauf vertrauen wir. Du warst bei uns am Anfang unseres Lebens. Du hast in all den Jahren bis heute deine segnende und schützende Hand über uns gehalten. Du bist auch bei uns, wenn wir wieder von dieser Welt gehen und bringst uns heim zu dir, wo alles begonnen hat und alles vollendet wird. So sind wir geborgen in deiner Liebe, von der uns nichts trennen kann.“
Dann bete ich den 23. Psalm: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ich bete noch immer allein. Die anderen hören mir zu. Doch als ich bei der zentralen Zeile dieses Psalms angekommen bin, bei den wichtigsten Worten der ganzen Bibel und meines Glaubens, da betet die Sterbende mit: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“
Das Vaterunser beten wir dann alle gemeinsam. Auch mein Freund betet mit. Als wir am Schluss ankommen, ist es mir, als würden die letzten Worte zu leuchten beginnen und wir sagen langsam und mit Bedacht: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“
Dann segne ich die Sterbende und sage das Bibelwort: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Mit meinem Daumen zeichne ich ihr das Kreuzzeichen auf die Stirn. Ihre Gesichtszüge entspannen sich als sie die Worte hört: „Es segne und behüte dich der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist!“
Sie hat die Augen geschlossen und liegt friedlich in den Kissen. Einige Augenblicke ist es still im Zimmer. Niemand sagt etwas. Niemand bewegt sich. Dann öffnet sie wieder die Augen und sagt: „Danke.“
Sie ist jetzt sehr müde. Die starken Medikamente tun ihre Wirkung. So verabschiede ich mich von ihr und verlasse das Zimmer.
Mein Freund geht mit hinaus. Wir reden noch ein paar Worte miteinander. Ich sage: „Schön, dass ihr beide eure Mutter jetzt nicht allein lasst. Das tut euch allen gut. Aber gönnt euch immer wieder mal eine Pause. Geht beide zwischendurch mal aus dem Zimmer. Trinkt einen Kaffee. Auch die Mutter will mal ein bisschen allein sein. Und oft sind es gerade solche Augenblicke, wo dann ein Mensch loslassen und gehen kann, wenn kein anderer da ist, der ihn festhalten will. Und noch was“, sage ich, „wenn sie dann gestorben ist und ihr seid bei ihr, dann klingelt nicht gleich nach der Schwester und ruft nicht nach einem Arzt. Nehmt euch Zeit, nehmt sie noch mal in die Arme, redet mit ihr, streichelt sie, nehmt Abschied so lang ihr wollt. Danach könnt ihr immer noch das Personal rufen.“
Mein Freund sagt noch ein paar persönliche Worte. Wir umarmen uns und ich gehe zum Treppenhaus. Gott bleibt.
Draußen regnet es noch immer. An der Einmündung zum Krankenhaus hat es einen Auffahrunfall gegeben. Man wartet auf die Polizei, dass sie alles regelt. Das Leben geht weiter.
Wir haben ein Versprechen, liebe Freunde. Wie ein Regenbogen steht es über unserem Leben und reicht vom Anfang bis zum Ende. Mehr haben wir nicht. Doch es ist Sein Versprechen, da Gott sagt: Ich bin da! Er hat die Kraft es zu halten. Wir haben die Wahl, ihm zu glauben.
Amen

Foto: en.wikipedia.org

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