Mittwoch, 2. November 2016

Raus aus dem eigenen Sumpf hl

Losung: Mein Knecht, der Gerechte, wird den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Jesaja 53,11

Lehrtext: Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. Markus 10,45

Liebe Leserin, lieber Leser,

hast du das schon mal erlebt, dass ein anderer für einen Fehler, den du gemacht hast, die Verantwortung auf sich genommen hat? Oder hast du das selbst schon mal für einen anderen getan, für einen Mitarbeiter oder dein eigenes Kind? Ich finde, dass das für jeden Vorgesetzten selbstverständlich sein sollte. Denn genau diese Fähigkeit qualifiziert einen Menschen dazu, ein Vorgesetzter für andere zu sein. Ich weiß aber auch, dass das nicht selbstverständlich ist.
Und darum ist es auch alles andere als selbstverständlich, dass der geheimnisvolle „Knecht Gottes“ (Losung), wie Luther übersetzt, oder sein Bote, wie es heute heißt, die Sünden der Vielen auf sich nimmt und so die Schuldigen wieder gerecht macht (=rechtfertigt). Erstaunlich, dass bereits der Prophet Jesaja im Alten Testament davon spricht (Losung).
Später hat sich Jesus mit diesem unbekannten „Knecht“ Gottes identifiziert und darüber nicht nur gepredigt, sondern entsprechend gelebt. Er hat, wie es an anderer Stelle in der Bibel heißt, als Lamm Gottes die Sünden der Welt aufs Kreuz getragen, auch deine und meine. So hat er uns davon befreit und wieder gerecht gemacht.
Er kam von Gott zu uns, nicht um zu herrschen und zu richten. Er kam, um denen, die versagt haben, zu dienen und die Niedergeschlagenen aufzurichten. So hat er seinem Jünger, dem Versager Petrus, gedient, indem er sein Leben auch für ihn, der ihn verleugnet hatte, hingegeben hat. So hat er ihn von seiner Verzweiflung befreit und wieder aufgerichtet, damit er sein Bote sein konnte. So gibt er sein Leben für dich und für mich hin und richtet uns wieder auf, wenn uns unsere Sorgen und Angst, Schuld und Lasten niederdrücken.
Mancher meint zwar, dass er das alles nicht nötig habe, weil er selbst schon gerecht sei. Aber gerade die Selbstgerechtigkeit ist für einen selbst und noch mehr für andere eine besonders schwere Last. Manche meinen, sie seien sich keiner Schuld bewusst, da sie keine Fehler machen würden, sondern im Recht seien und deshalb auch niemand um Entschuldigung bitten müssten. Aber wie soll ein Mensch, der immer Recht haben will, gerechtfertigt werden?
Von Augustinus über Luther bis zu Karl Barth spielte in der Geschichte der Theologie die Erkenntnis eine große Rolle, dass kein Mensch sich selbst rechtfertigen und auch niemand sich selbst ent-schuldigen kann. Einfacher gesagt: Niemand kann sich am eigenen Zopf aus dem eigenen Sumpf ziehen:  kein Pfarrer, kein Präsident, kein Bischof, kein Heiliger, kein Papst und auch sonst niemand. Nur Christus vermag uns am Zopf aus unserem Sumpf zu ziehen, sogar die Glatzköpfe. Nur er kann einen Menschen ganz und gar frei und wieder unbeschwert machen. Stimmt schon, das ist eine Behauptung, aber eine, die jeder Überprüfung standhält.

Gebet: Herr, ich weiß längst, dass es nichts bringt, sich vor anderen zu rechtfertigen, wenn man etwas falsch gemacht hat. Ich weiß längst, dass ich manches böse Wort nicht mehr zurücknehmen kann. Dass ich es nicht mehr ungeschehen machen kann, wenn ich einen anderen verletzt habe. Dass ich mein Versagen nicht mehr schönreden kann. Ich bin versucht, das immer wieder zu tun. Aber je mehr ich strample, desto tiefer versinke ich in meinem Sumpf. Ich hab nur die eine Chance, dass ich von mir absehe und auf dich schaue, dir im Glauben meine Hand hinhalte und mich herausziehen lasse. Deswegen ist meine Schuld nicht vergessen, aber vergeben. Und damit kann ich leben. Amen

Herzliche Grüße

Ihr / dein Hans Löhr 

2000. Losungsauslegung seit Mai 2010

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